Schwarzer Schwan
Frage der Kanzlerin: Was ist eigentlich ein "Schwarzer Schwan"?
(Leseprobe, Kapitel 58)
Roter Teppichboden, acht schwarze Drehsessel um einen Tisch aus dunklem Tropenholz, in dessen Lack sich die Deckenstrahler spiegelten. Kaffee und Frühstück standen bereit. Fünf Gedecke, von denen sie allenfalls drei benötigen würden, wie Frantzen zu seiner Verwunderung bemerkte, denn die Frau, die bei manchen Leuten als die mächtigste der Welt galt, saß ganz allein am Tisch. Keine Büroleiterin, kein Berater oder Referent.
Die Kanzlerin schaute von ihrem Handy auf, in das sie gerade eine Nachricht tippte, begrüßte Dingendorff und seinen Begleiter, setzte sich wieder und tippte zu Ende.
Frantzen schnappte sich die Thermoskanne und spielte den Kellner. Sie hatten exakt vierzig Minuten, dann musste die Kanzlerin weiter nach Paris.
„Was wir hier reden bleibt vertraulich“, sagte sie.
„Selbstverständlich“, antwortete Dingendorff.
Frantzen nickte. Dass der fensterlose Raum frei von Wanzen war, hatte er gestern checken lassen, und zwar gründlich. Und vielleicht hatten die BKA-Leute das eben noch einmal getan.
Die Kanzlerin häufte Rührei auf eine Brotscheibe und säbelte einen Bissen davon ab. So nah war Frantzen ihr noch nie gekommen, auch nicht im siebten Stock des Kanzleramts. Er staunte über das Blau ihrer Augen. Die Lippen schmal, wie man es aus dem Fernsehen kannte, reichlich Haarspray in der Frisur. Sie wirkte ausgeruht und trug einen dunkelblauen Hosenanzug, um den Hals eine zierliche Kette aus silbernen Stäbchen.
Frantzen fragte sich, was es zu bedeuten hatte, dass diese Frau allein in ein solches Meeting ging. War sie so angeschlagen, dass sie selbst ihren engsten Mitarbeitern misstraute?
„Die Bankenkrise dauert streng genommen noch an“, begann die Kanzlerin.
„Das ist richtig, allgemein gesprochen“, antwortete Dingendorff. „Auf die RheinBank trifft das natürlich nicht zu.“
„Das behaupten alle Banker.“
„Was können wir für Sie tun, Frau Bundeskanzlerin?“
„Ein ‚Schwarzer Schwan’ – was ist das eigentlich in Ihrer Sprache?“, fragte sie zurück.
„Ein negatives Ereignis, das uns unerwartet trifft.“
„Also etwas wie der elfte September oder der Ausbruch der Finanzmarktkrise 2008?“
„Nein, die Krise war kein Schwarzer Schwan.“
„Nicht? Staatssekretär Lichtenberg hat im Untersuchungsausschuss lang und breit dargelegt, wie unverhofft sie uns getroffen hätte. Und der Zeuge Dingendorff hat das bestätigt, wenn ich mich richtig erinnere.“
„Wir reden jetzt ganz offen, nicht wahr?“
Vorbestellung des Romans hier oder beim Buchhändler Ihres Vertrauens.
Mehr über "Schwarzer Schwan" hier.
Für Medienvertreter: Rezensionsexemplare bestellen Sie hier.
Fragen an den Autor? Treten Sie in Kontakt.
"Schwarzer Schwan" - der neue Thriller des Marlowe- und Friedrich-Glauser-Preisträgers Horst Eckert
(Grafit-Spitzentitel, Hardcover, Herbst 2011)