Laudatio für Horst Eckert

von Uta-Maria Heim

anlässlich der Verleihung des Friedrich-Glauser-Preises 2001 an Horst Eckert für "Die Zwillingsfalle" (bester deutschsprachiger Kriminalroman des Vorjahres)

Lieber Horst Eckert, liebes Publikum,

jetzt bin ich also den Geldkoffer wieder los, der ein Jahr lang unterm Schrank stand - leer leider, ja, ich habe ihn nicht mit schmutziger Wäsche gefüllt. Nun bekommt Horst Eckert den Koffer, neu aufgemöbelt, mit kleinen gebrauchten Scheinen, und da hoffen wir, dass er die gut nach Hause bringt. Ich freue mich für Horst Eckert. "Die Zwillingsfalle" ist ein tolles Buch.

Der erste Leseeindruck war bestechend. Ich habe "Die Zwillingsfalle" in einem Zug gelesen. Von Berlin nach Stuttgart, und als der Zug hielt, las ich weiter. Den anderen Juroren ging es genauso. Sie konnten auch nicht mehr aufhören. "Die Zwillingsfalle" von Horst Eckert war einer der wenigen Titel, die uns vom ersten bis zum letzten Satz fesselten.

"Die Welt hatte Löcher, in die er fiel, um an Orten aufzuschlagen, an die er nie und nimmer wollte." Mit diesem fulminanten Satz eröffnet Horst Eckert das 1. Kapitel. Ist das nicht ein großartiger erster Satz? Er erinnert mich an die genialen Anfänge der Weltliteratur. Etwa an: "Ich bin nicht Stiller!" Oder: "So, also hierher kommen die Leute, um zu leben, ich würde eher meinen, er stürbe hier." (Das war jetzt von Rilke.)  "Die Zwillingsfalle" zählt sich aber eigentlich zur Unterhaltungsliteratur. Zum sogenannten Trash. Das Buch ist eine "Bullenoper" im besten Sinn: ein Kriminalroman, der das Berufsbild des staatlichen Ermittlers auf festlich bizarre Weise überhöht. "Die Welt, hatte Löcher, in die er fiel, um an Orten aufzuschlagen, an die er nie und nimmer wollte."

"Er", das ist der SEK-"Rambo" Leo Köster, die Nummer 1 in einem Düsseldorfer Sondereinsatzkommando. Ein 35jähriger, freundlicher Rotschopf, ein ehemals strahlender Siegertyp, der vermutlich unter Parkinson leidet. Die rechte Hand zittert. Seine Angst bekämpft Köster mit Kokain. Seine Einsamkeit therapiert er (wie übrigens Stiller) mit Whisky. Whisky macht geständig. Leo Köster hat Pech mit Frauen und Probleme mit dem Sohn. Trotzdem kriegt er die Kurve, irgendwie. Er hat das Zeug zum tragischen Antihelden, und dazu gehört auch ein Schuss Hoffnung.

Köster allein würde einen ganzen Roman füllen. Aber da haben wir ja noch die dauergemobbte schöne Soko-Leiterin Ela Bach und den sensibel durchtriebenen, brutal beherzten Kommissar Martin Zander vom "Einbruch", um die sich all die anderen Grün- und Grau-Uniformierten wie Blätter ranken. Horst Eckert entwirft ein Biotop aus Polizisten. Drei Hauptfiguren stehen im Zentrum, die alle am Rand eines Abgrunds entlang balancieren. Und in ihrer Mitte liegt wie ein rostiges Netz mit einem stinkenden, fauligen Tümpel der Fall. An welcher Ecke man das Netz auch anhebt, stets zieht man giftige Brocken von Schlamm und Dreck nach oben, und aus denen setzt sich allmählich eine Ahnung des grausligen Falls zusammen.

Zunächst scheint es, als ginge es um mehrere Fälle. Brandstiftung, Einbruch, Vergewaltigung, ein "toter Vogel": so heißt ein Mensch, der eines natürlichen Todes starb - das sind alles Dinge, mit denen die Kripo tagtäglich zu tun hat. Dann schält sich aus der Routine allmählich der eigentliche Fall heraus, und wir erkennen, dass alles mit allem zu tun hat. Alles hängt mit allem zusammen, nichts bleibt Zufall, und keiner kann sich diesem Knoten aus Gift, Korruption und perverser Gewalt entziehen. Es wird alles immer schlimmer. Und das volle Ausmaß der Katastrophe wird erst gegen Ende deutlich: Ein Schluss, der niemanden schont und keine Illusionen übrig lässt. Hinter diesem vernichtenden Ende gibt es dann allerdings doch noch etwas. Dort schält sich in Andeutungen das Mögliche heraus. Hinter dem finalen Abgesang steht ein großes, fragendes, grinsendes Dennoch.

Dieser Krimi zieht sich durch alle sozialen Schichten. Er ist unendlich komplex, und an jedem Ende der Verstrickung knüpft eine neue an, die noch widerlicher, furchtbarer und abstoßender ist als die alte. "Die Zwillingsfalle" ist ein leises, genaues, nirgendwo klotziges Buch mit einer widerwärtigen Botschaft. Horst Eckert wird niemals zynisch, er beschreibt Gewaltsituationen und Sexismen, ohne sie zu bedienen. Was aufscheint, ist eine schonungslose Menschenliebe, die aus rauen Funktionsträgern schillernde Charaktere macht.

Meine Lieblingsstelle ist auf Seite 262, also 90 Seiten vor Schluss. Es ist eine Schlüsselszene. Zander trifft Ela, und im Lauf ihres Gesprächs wird klar: Die zutiefst korrupte und heruntergekommene Struktur innerhalb der Polizei ist das absolut exakte Spiegelbild der sie umgebenden niederschmetternden Realität. Verfolger und Verfolgte sind austauschbar. So verstehe ich auch die tiefere Bedeutung des Titels "Die Zwillingsfalle". Auf der Inhaltsebene geht es gleich zweimal um Halbgeschwister, auf einer tieferen Bedeutungsebene um die Umkehrbarkeit der Abläufe in Staatsapparat und Gesellschaft. Anders ausgedrückt: Polizei und Staat sehen sich zum Verwechseln ähnlich. Der Staat ist in der Weise ein Polizeistaat, als dass die verschiedenen Etagen der Polizei all die gesellschaftlichen Missstände spiegeln. Das Ineinanderzahnen des Systems Polizei entspricht eins zu eins dem Ineinanderzahnen der Gesellschaft. Die schmutzige Polizei ist, wenn man so will, eine Metapher auf die schmutzige Gesellschaft, und diese sogenannte "Bullenoper" wird damit zum kritischen Gesellschaftsroman.

Wir waren auf Seite 262. Kommissar Zander trifft auf Ela, und allmählich tritt die vernichtende Wahrheit zutage: Jeder denkt nur an sich. Für ihr persönliches Fortkommen tun alle alles. Karriere ist Selbstzweck, Opportunismus üblich. Erfolg ist das einzige Ziel. Dafür geht man zur Not über Leichen. Die korrupten Verwicklungen innerhalb der Kripo, die zwillingshaft den perversen, kriminellen Verstrickungen des Falls entsprechen, lüften sich hier wie ein stinkender Knoten. Die Schlüsse, die Ela daraus zieht, sind vernichtend: "Das war das ganze Geheimnis, dachte Ela: Jeder benutzt jeden. Jeder haut jeden aufs Kreuz. Oder versucht es zumindest. So lauteten die Spielregeln und Ela konnte sie nicht ändern."

Obwohl die Polizisten sich nach und nach gegenseitig stützen, obwohl sie einen Lernprozess durchleben und innerhalb einer mörderischen Struktur einen moralischen sozialen Organismus bilden, können sie die tödliche Macht des Bestehenden nicht ändern. Trotzdem macht Ela am Ende weiter, Leo Köster macht weiter, Zander macht weiter. Die Beharrlichkeit der Helden hat einen bitteren und utopischen Kern. Denn die Welt hat weiterhin diese Löcher, in die sie fallen werden, um an Orten aufzuschlagen, an die sie nie und immer wollten.

Dies ist ein Kriminalroman, der einen kleinen Ausschnitt bundesdeutscher Gegenwart atemberaubend unter die Haut gehend fiktionalisiert. Wer in zwanzig oder dreißig Jahren etwas über die Jahrtausendwende erfahren will, der lese Horst Eckert.

Ein großartiges Buch, das den "Glauser" ehrt! Wir freuen uns, Horst Eckert dazu gratulieren zu dürfen. Herzlichen Glückwunsch, Horst Eckert, zum "Glauser" 2001!

Zitate:
Horst Eckert: Die Zwillingsfalle, Dortmund: grafit 2000
Max Frisch: Stiller
R. M. Rilke: Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge

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Bester deutschsprachiger Kriminalroman des Jahres (Friedrich-Glauser-Preis 2001)

Das Cover heute (oben) und in der ersten Auflage (unten)

"Dies ist ein Kriminalroman, der einen kleinen Ausschnitt bundesdeutscher Gegenwart atemberaubend unter die Haut gehend fiktionalisiert. Wer in zwanzig oder dreißig Jahren etwas über die Jahrtausendwende erfahren will, der lese Horst Eckert."
(Uta Maria Heim)


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