Fünf Jahre danach

Die "braune RAF" und der Staat - offene Fragen und augenscheinliche Tabus

Am Ende meines Romans „Wolfsspinne“ steht eine junge Frau namens Nadire am Grab ihres Vaters, der in seinem türkischen Heimatdorf beerdigt wurde. Eigentlich lebte er in Deutschland. Seine Tochter wuchs dort auf, empfand sich stets als Deutsche. Doch jetzt weiß sie nicht, ob sie zurückkehren wird. Ihr Vater wurde von Leuten ermordet, die sich „Nationalsozialistischer Untergrund“ nannten. Die Täter sind Thema in allen Medien, während über die Opfer niemand spricht. Und in Dresden demonstriert Pegida. Verständlich, dass sich die junge Frau in Deutschland nicht mehr wohlfühlt. Aber es ist auch unendlich traurig.

Vor fünf Jahren wurde uns die Existenz des NSU bewusst, nachdem am 4. November 2011 zwei Leichen in einem ausgebrannten Wohnmobil in Eisenach entdeckt worden waren und die Dritte im Bunde ihre gemeinsame Wohnung in Zwickau zerstört hatte. Neun Morde an Migranten, ein weiterer an einer Polizistin, die aus Thüringen stammte, sowie Sprengstoffanschläge und Banküberfälle gehen offenbar auf das Konto dieser Neonazis. Seitdem fragen sich die Angehörigen der Opfer, warum ihr geliebtes Familienmitglied sterben musste.

Und was wusste der Verfassungsschutz, der die rechte Szene seit den Neunzigern mit einem engmaschigen Netz an Spitzeln überzogen hatte? Warum gab er zu keiner Zeit Hinweise an die Polizei? Was genau sollte vertuscht werden, als die Geheimdienste nach dem Auffliegen des NSU so viele Akten vernichteten?

Was hatte Andreas Temme, ein Beamter des hessischen Landesamts für Verfassungsschutz, am Tatort zu suchen, während Halit Yozgat 2006 in seinem Kasseler Internetcafé erschossen wurde? Die Polizei hielt den Beamten für den möglichen Mörder, doch Innenminister Bouffier schirmte ihn ab und die Ermittlungen gegen den Mann mussten eingestellt werden. Holger Bouffier ist heute Ministerpräsident von Hessen. Wusste er schon damals vom NSU und der Verstrickung seiner Sicherheitsbehörde in die rassistische Mordserie?

Der NSU war monströs in seiner Gewalttätigkeit und seiner Ideologie. Das Treiben der staatlichen Behörden erscheint bizarr. Für die Bundesanwaltschaft, die im Münchner Prozess die Anklage vertritt, ist angeblich alles klar: Der NSU bestand aus drei Personen, von denen sich zwei in Eisenach selbst erschossen haben. Doch in Wirklichkeit ist nichts klar.

Gegen den Selbstmord der beiden Männer im brennenden Wohnmobil spricht, dass die Tatwaffe nach dem zweiten tödlichen Schuss noch einmal nachgeladen wurde. Man fand weder Rußpartikel in den Atemwegen der Toten noch Rauchgasspuren in ihrem Blut. Wahrscheinlich gab es eine dritte Person, die schoss und danach das Feuer legte.

All diese Details sind bekannt. Journalisten schrieben über Widersprüche und Lücken der offiziellen Version. Untersuchungsausschüsse meldeten Zweifel an. Wir wissen von Zeugen und V-Leuten, die unter rätselhaften Umständen starben. Von Polizeibeamten, die dem rassistischen Ku-Klux-Klan angehörten und von denen einer am Tag des Polizistenmordes in Heilbronn der unmittelbare Vorgesetzte des Opfers war. Aber offenbar mag niemand die offenen Fragen in einen Zusammenhang bringen und eine schlüssige Antwort formulieren. Als berge die Erklärung eine Gefahr. Für das Vertrauen in den Staat. Für den inneren Frieden. Für die eigene Reputation, denn eine Abweichung von der offiziellen Darstellung wird gern als Verschwörungstheorie abgetan. Doch in diesem Fall kommt die Version der Behörden selbst nicht über die Qualität einer Verschwörungstheorie hinaus.

Eigentlich sollte es die Gesellschaft nicht allein Schriftstellern überlassen, die schlüssigere Variante einer möglichen Wahrheit zu formulieren. Zwar arbeiten auch fünf Jahre nach Eisenach noch Untersuchungsausschüsse an der Aufklärung, aber die Hoffnung auf Erfolg schwindet. Und die Verfassungsschutzbehörden werden den Teufel tun, gravierende Fehltritte offenzulegen, denn die Konsequenz wäre ihre Abschaffung. Was im Übrigen für die Regierungen in Bund und Ländern niemals in Frage käme, denn Geheimbehörden sind nun mal ihre Lieblingsspielzeuge. Angeblich dienen sie der Sicherheit Deutschlands. Dass sie die Sicherheit gefährden, hat ihr Umgang mit dem NSU gezeigt. Zyniker sprechen von „betreutem Morden“.

Semiya Simsek, die reale Tochter des ersten NSU-Opfers, der Blumenhändler in Nürnberg war, lebt inzwischen in der Türkei. Sie will ihre Kinder nicht dem Rassismus aussetzen, den sie in Deutschland auf dem Vormarsch sieht.

Ein später Sieg des NSU.

Und ein weiteres Versagen der deutschen Politik.

Was hatte Andreas Temme am Tatort zu suchen? Was wusste Holger Bouffier?

"Eigentlich sollte es die Gesellschaft nicht allein Schriftstellern überlassen, die schlüssigere Variante einer möglichen Wahrheit zu formulieren."


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