Hinter dem Horizont geht's weiter

Gesellschaftskriktik im Krimi? Und wenn ja, wie? 

Jede Form von Literatur dient der Unterhaltung und unabhängig vom Genre werden ganz unterschiedliche Niveaus davon angeboten und konsumiert. Der Krimi unterhält in der Regel durch Spannung. Je mehr davon, desto unterhaltsamer, so die Regel, von der es nur wenige Ausnahmen gibt. Unterhaltung schließt Sozialkritik nicht aus. Meine These lautet, dass eine bestimmte Form von Sozialkritik dem Ganzen sehr gut tut. Vielleicht sogar dazu gehört. Aber auf die Form kommt es an.

Als Leser ärgere ich mich immer, wenn vor lauter gut gemeinter, aufklärerischer Absicht die Spannung zu kurz kommt. Wenn mit dem Zeigefinger vorgetragene Sozialkritik den Ablauf der Handlung sogar vorhersehbar macht. Eine Katastrophe - nicht nur beim Genre Krimi, aber vor allem da. Als Autor proklamierte ich für mich deshalb jahrelang, "nur" unterhalten zu wollen.

Das war eine Gegenreaktion auf den "Deutschen Soziokrimi", von dem ich noch in den neunziger Jahren einige abschreckende Beispiele zu lesen bekam. Wenn der Hauptreiz eines mir als Rororo-Thriller angedrehten Büchleins darin besteht, Argumente beispielsweise gegen den großen Lauschangriff aufzulisten, fühle ich mich belehrt, d.h. für dumm verkauft.

Der Begriff "Soziokrimi" entstand als Schimpfwort zu einer Zeit, als immer mehr Leser bei aller Sympathie für "politisch Korrektes" keine Lust mehr hatten, Weisheiten gepredigt zu bekommen, die sie ohnehin längst verinnerlicht hatten. Wer damals glaubte, in den USA sei ohnehin alles spannender, sah sich durch solche Soziokrimis erst Recht dazu veranlasst, sich der US-Literatur zuzuwenden, die der unseren traditionell an Menge und Vielfalt lange Zeit voraus war.

Katzenkrimi

Auch in Deutschland schoss in den letzten Jahren eine Vielzahl neuer Krimiformen aus dem Boden, der Zeigefinger ist heute zu Recht verpönt. Das Politische, die Sozialkritik wurde es damit oft auch. Ich habe mich davon anstecken lassen. Da ich realistische Literatur schreiben wollte - den Krimi als Spiegel einer Gesellschaft verstand, die ständig Aufregendes, Verbrecherisches, alte Gewissheiten Erschütterndes produziert - wählte ich die Untergattung "Polizeiroman". Der Begriff "Sozialkritik" weckte in mir nur Erinnerungen an Bücher, die ich langweilig fand.

Noch immer besteht mein Betreben darin, möglichst gute Unterhaltung schreiben zu wollen. Aber mit den Jahren schrieb ich nicht nur instinktiv, sondern reflektierte auch darüber: Was ist das, was ich unter "guter" Unterhaltung verstehe?

Korrupte Bullen

Für mich gehört dazu, dass Handlung, Personenschilderung und Sprache möglichst wenig Klischees beinhalten, möglichst Unvorhersehbares offenbaren (dennoch auf plausible Art). Das heißt, dass unter anderem auch vermeintliche gesellschaftliche Tatsachen und tatsächliche Vorurteile in Frage gestellt bzw. die Mechanismen ihres Zustandekommens und ihrer Folgen nachgezeichnet und dadurch hinterfragbar gemacht werden.

Wenn ich in einem Roman den korrupten Bullen zum Sympathieträger mache, wird der Leser zum Komplizen und muss sich selbst, seine eigene Korrumpierbarkeit in einer Gesellschaft, die Karrieristen und Wohlstandsvorzeiger zu Vorbildern erklärt, in Frage stellen (nur als Beispiel).

Und das ist der Beginn der Kritik. Einer Kritik, die sich im Kopf des Lesers zusammensetzt und nicht pädagogisch an ihn herangetragen wird.

Wer Klischees zu entgehen versucht und zugleich realistisch schreibt, wird fast zwangsläufig irgendwann zu hören bekommen, ein sozialkritischer Autor zu sein. Das kann durchaus ein Lob sein. Der subtil vorgetragene Anstoß zur Kritik ist im Gesellschaftsroman - und dazu zählt der Krimi - vielleicht sogar Voraussetzung für gute, ideologiefreie, nicht-affirmative Unterhaltung. 

Eben nicht als Belehrungsversuch, sondern als Kick des glaubhaft vorgeführten Ungewöhnlichen, des Blicks über den Horizont oder in den eigenen Abgrund. Oder gern auch in die Schattenseiten unserer Gesellschaft. 

copyright: Horst Eckert, 2003 

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"Den Leser mit leichter Feder zum Komplizen machen, damit er seine eigene Korrumpierbarkeit durchschaut"


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