Menschen sind Monster

Laudatio auf Thomas Glavinic, "Der Kameramörder"

"Ich wurde gebeten, alles aufzuschreiben." Mit diesem Satz beginnt ein schnörkelloser, fast im polizeilichen Protokollton abgefasster Bericht über ein Osterwochenende, das der Ich-Erzähler mit seiner Freundin bei einem Pärchen in der Steiermark auf dem Land verbringt. Man geht spazieren, spielt Karten und nach dem Essen schaltet der Gastgeber den Videotext im Fernsehen ein, um die Nachrichten zu lesen. Von da an gibt es zwischen den diversen Freizeitaktivitäten der vier Leute nur noch ein Thema: Ein etwa 30jähriger Mann hat zwei Kinder genötigt, sich durch einen Sprung von einem Baum zu töten. Diesen Mord hat er mit einer Videokamera aufgenommen.

Während ein Großaufgebot an Journalisten in das benachbarte Dorf einfällt, um über die schreckliche Tat und die polizeilichen Ermittlungen zu berichten, verfolgen die vier das Geschehen wechselweise vor dem Radio oder dem Fernseher. Jeder reagiert anders: der Gastgeber mit zynischen Sprüchen, seine Frau mit Wut und Trauer, doch keiner kann sich den Nachrichten entziehen, die immer detaillierter Auskunft über das Verbrechen geben. Als ein deutscher Privatsender das ihm zugespielte Video des Mörders auch noch ausstrahlt, ist das noch nicht der Höhepunkt. Die Vier fahren ins Dorf, um den Fortschritt der Ermittlungen zu verfolgen. Alles, was sie erfahren ist, dass die Fahnder einen Ring um den Ort geschlossen haben, der sich immer enger zieht. Die Stimmung kippt. Die Vier verbarrikadieren sich, weil sie befürchten, der Mörder könnte sie überfallen. Allenthalben herrscht Hysterie und der Leser bekommt Angst um die Vier, Zugereiste und Fremde in der steirischen Pampa, in der die Volksseele kocht. Und bis zur letzten Seite läuft der Fernseher.

Thomas Glavinic hat in seinem Roman "Der Kameramörder" ein atemberaubendes Stück Medienkritik abgeliefert, das nicht wie so viele Krimis der letzten Zeit Medienmacher politisch korrekt aufs Korn nimmt, sondern uns, die Zuschauer selbst. Wir bekommen die Bilder, nach denen wir gieren, und wenn ein zweifacher Kindermörder sie liefert, scheint das nur konsequent. Dieser bitterböse Roman hält uns einen Spiegel vor und wir erfahren, dass unsere Neugier angesichts des Grauens uns nur allzu leicht zu den Voyeuren und Zynikern macht, die uns hier vorgeführt werden. Wer sich des eigenen Voyeurismus bewusst ist, wird sich durch Thomas Glavinic nicht angegriffen fühlen, aber fürchterlich ertappt. Mir hat das großen Spaß gemacht.
Dass ein Krimi mit einer so spröden Sprache, ohne Absatz und wörtlicher Rede, so sehr fesselt, liegt nicht nur am Thema, sondern auch am Aufbau der Geschichte. Sie ist unglaublich dicht erzählt. Ein Wechselbad der Gefühle. Und am Ende wartet Glavinic mit einer verblüffenden Wendung durch den allerletzten Satz auf, die gleichwohl konsequent ist und alles erklärt, bis hin zum ungewöhnlichen Sprachstil. Man muss nicht so schreiben, um einen guten Krimi zu Stande zu bringen, aber diese Geschichte könnte man gar nicht besser erzählen.

"Die Menschen sind Monster", hat Thomas Glavinic in einem Interview einmal gesagt. Und er hat weder sich noch die Leser davon ausgenommen. Ich glaube, das ist eine wundervolle Ausgangsbasis, um Kriminalromane zu schreiben.
"Der Kameramörder" ist kein Buch, das "mehr" ist als "nur" ein Krimi. Das gibt's gar nicht, denn ein guter Krimi ist bereits das Feinste, was man lesen kann. "Der Kameramörder" ist allerdings ein verdammt guter Krimi. Und zwar der Beste des letzten Jahres - dafür steht der Friedrich-Glauser-Preis. Für die Jury, soviel darf ich verraten, war es unter all den einhundertachtzig Einsendungen des letzten Jahres eine eindeutige Entscheidung. Glavinic hat einen Roman geschrieben, der unsere gesamte Branche ehrt.

Lieber Thomas, es ist dein dritter Roman, aber dein erster Krimi. Ich würde mich freuen, wenn Du Geschmack am Genre gefunden hättest und Dein nächstes Buch wieder ein Krimi wäre. Wahrscheinlich hast Du es selbst schon gespürt: Verbrechen und Monster gehören einfach zusammen. Genieß das Preisgeld und die Erinnerung an diesen Tango Criminale. Ich freu mich für Dich und gratuliere Dir von ganzem Herzen, auch im Namen der Jury. Alles Gute!

copyright: Horst Eckert, Laudatio anlässlich der Verleihung des
Friedrich-Glauser-Preis für den besten deutschsprachigen Kriminalroman des Vorjahres, 20. April 2002 

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"Allenthalben herrscht Hysterie, die Volksseele kocht, und bis zur letzten Seite läuft der Fernseher."


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