In Lünen stirbst du schneller

von Horst Eckert

ab 21. September in: "Niederrhein-Blues und andere Geschichten"

Max Fleming drückte die staubigen Lamellen der Jalousie auseinander und schob sein Fernglas durch den Spalt. Draußen hatte jetzt Nieselregen eingesetzt und die Passanten, die ihre Einkäufe durch die Münsterstraße schleppten, beschleunigten ihre Schritte. Fleming nahm den Penner ins Visier, der vor der gegenüberliegenden Reinigung auf dem roten Pflaster kauerte, dicht gegen die Hauswand gedrückt. Der Filzhut vor ihm bettete nur die wenigen Münzen, die der Mann selbst vor einer Stunde hineingelegt hatte.
»Jetzt machen sie sich auch hier schon breit«, stellte der Reporter fest, der neben Fleming am Fenster des Hotelzimmers stand. »Wahrscheinlich ist in Dortmund die Konkurrenz zu groß geworden.«
Lackaffe, ging es Fleming durch den Kopf. Ausgerechnet Ebbinghaus hatten die Ruhr Nachrichten geschickt. Es war die Idee des Kripochefs gewesen, die Presse mitzunehmen – die Behörde hatte gute Schlagzeilen nötig, gerade hier in Lünen.
Unweit des Bettlers stand in einer Parkbucht ein alter weißer Viertürer. Eine Prolokarre, dachte Fleming: übergroße Lautsprecher im hinteren Fenster, das Heck übersät mit schwarz-gelben Aufklebern. Das Schiebedach stand dem Wetter zum Trotz einen Spalt weit offen. Drinnen saß ein Kerl in brauner Lederjacke und qualmte.
»Sehen Sie den Typen im weißen Passat?«, fragte Fleming und fingerte seine Zigarette aus der Hemdtasche. Eigentlich hatte er sie erst nach der Razzia rauchen wollen. Auf einen Sargnagel hatte er die Tagesration bereits reduziert – sein zweiter Anlauf, es sich abzugewöhnen.
»Was ist mit ihm?«, wollte Ebbinghaus wissen.
»Das ist der Aufpasser.«
Fleming roch das süßliche Rasierwasser des Reporters, der das Teleobjektiv seiner Kamera gegen die Scheibe presste, mehrfach den Auslöser drückte und dabei fragte: »Verraten Sie mir, wie Sie dahintergekommen sind?«
»Tipps aus der Szene. Man kommt an die illegalen Veranstalter nur, wenn einer petzt.« Er zündete die Zigarette an, inhalierte den Rauch und hielt ihn tief in der Lunge. Vielleicht half es, ruhig zu bleiben. Der duftende Lackaffe löste Hassgefühle aus, die Fleming nicht zeigen durfte. Gegen die Schnapsidee des Kripochefs hatte er sich nicht wehren können, denn immerhin hatte er selbst vor zwei Monaten die Serie fieser Artikel aus Ebbinghaus’ Feder verursacht.
Der Reporter hüstelte. Nichtraucher, vermutete Fleming. Einer, der sich nie durch den Entzug quälen musste, weil er schon als Dreizehnjähriger die Warnungen der Klassenlehrerin befolgt hatte.
Eine Stunde nur, dann war es überstanden. Fleming strich seinen Schlips über dem Jeanshemd glatt. Auch so eine Anweisung des Chefs. Fleming hasste Krawatten.
»Große Dunkelziffer, was?«, schnarrte Ebbinghaus, das Auge am Sucher der Nikon.
Fleming überlegte, ob er sich den spöttischen Ton des Reporters nur einbildete. Und was der Zeitungsfritze dieses Mal über ihn schreiben würde.
Ein Mann mit Vollbart ließ Münzen in den Hut des Penners fallen und schenkte der weißen Prolokarre einen prüfenden Blick. Fleming sah zu, wie der Bärtige im Hauseingang Nummer 22 verschwand. Ein Waffenträger – Fleming hatte einen Blick dafür.
Er warf die Zigarette aufs Linoleum und trat sie aus. Ein Heer toter Kippen verschiedener Marken scharte sich um seine Füße – zehn Tage lang hatten seine Leute den Eingang dort unten observiert.
Die Persiluhr vor dem Hotel sprang auf halb vier. Fleming hob das Funkgerät. »Gruppe Schlecker für Leitung.«
»Hier Schlecker«, krächzte es aus dem Lautsprecher.
»Putzt den Aufpasser!«
Zwei Männer in Anzug und Schlips verließen den Drogeriemarkt auf der linken Seite des Blickfeldes – auch sie hatten sich für die Fotos des Reporters fein gemacht. Ebbinghaus bearbeitete den Auslöser und pfiff leise durch die Zähne.
Vor der Reinigung sprang der falsche Penner auf. Aus seinen Lumpen zog er die Dienstwaffe, riss die Beifahrertür des weißen Passat auf und hielt den erschreckten Aufpasser in Schach.
Fleming streifte die schusssichere Weste über. »Sie bleiben hier«, wies er den parfümierten Pressemenschen an. »Ich lasse Sie rufen, wenn alles vorbei ist.«

Als er auf die Straße trat, lag der Aufpasser mit dem Gesicht nach unten und im Nacken verschränkten Fingern auf dem feuchten Pflaster. Ein Beamter blätterte in den Wagenpapieren, ein anderer beruhigte die Passanten.
Fleming drückte die Sprechtaste des Funkgeräts. »Einsatzgruppe für Leitung. Es geht los!«
Er stapfte auf den Eingang zu, das Holster an der Hüfte öffnend. Seine Handflächen waren feucht, die Finger kribbelten – zum ersten Mal seit dem Vorfall in der Flamingo Bar trug er die Sig Sauer bei sich. Und er wusste, dass es nicht nur Ebbinghaus’ Artikel waren, die ihn so verunsichert hatten.
Bremsen kreischten. Ein Transit und ein grün-silberner Streifenwagen hielten, fünf grau vermummte Rambos des Dortmunder Spezialeinsatzkommandos und zwei Lüner Kollegen in grüner Kutte sprangen heraus. Sie stürmten in den Hausflur, Fleming voran. Eine Frau mit Kopftuch stand am Briefkasten, sie ließ die Post fallen und schrie auf. Die Schupos blieben zurück und sicherten die Kellertreppe – laut Tippgeber der einzige Zugang. Fleming stolperte nach unten und einen schlecht beleuchteten Gang entlang.
Die Tür am Ende war aus Stahl. Ein Blick auf Wände und Decke: keine Kamera. Offenbar vertrauten die Zocker allein dem Aufpasser auf der Straße.
Die SEK-Leute hatten SureFire-Lampen auf ihre Pumpguns montiert – die Lichter verschmolzen auf der Tür zu einem Fleck. Daneben ragte aus einem Stück unverputzten Zement ein kurzes Kabel, an dem eine einfache, weiße Klingel hing. Adrenalin pulste durch Flemings Adern.
Er drückte den Schalter. Lang-kurz-kurz-lang – hoffentlich hatte der Informant ihn nicht geleimt.
Der Türöffner summte.
Fleming flog ins Innere. Ein fensterloser, verqualmter Raum. Er schrie: »POLIZEI! KEINER RÜHRT SICH!«
Blitzschnelles Erfassen: ein großer Schrank vom Sperrmüll, nackte Glühbirnen über zwei Spieltischen. Karten und Zockergeld flogen auf den grünen Filz. Zwölf Augenpaare, die den Polizisten entgegenstarrten. Hände schossen in die Luft, ließen Zigaretten fallen, noch mehr Karten, weitere Scheine.
Die SEK-Männer stießen die Zocker gegen die Wand und tasteten sie ab. Ein nervöser Junge im senfgelben Blouson starrte Fleming feindselig an. Ein anderer Spieler wimmerte, seine Hose färbte sich im Schritt dunkel. Handschellen klapperten.
Plötzlich polterte es, ein Spieltisch schlug hart gegen Flemings Schienbein. Gläser klirrten auf den nackten Estrich, und der Junge in der gelben Jacke riss den Schrank auf und sprang hinein.
Das war kein Schrank.
Fleming nahm die Verfolgung auf: ein zweiter Gang, stockfinster, die Luft roch modrig. Der Flüchtige keuchte keine drei Meter entfernt. Fleming hetzte hinterher, die Stiche in seiner Brust ignorierend – zu viel Junkfood, zu viel Speck um die Hüften, zu hoher Blutdruck. Er stieß sich den Kopf an der Decke, fluchte und rannte weiter.
Klang und Rhythmus der Schritte vor ihm änderten sich – eine zweite Treppe. An ihrem Ende wurde es hell, etwas Senfgelbes wollte ins Freie huschen. Fleming war schneller und zerrte den Burschen ins Haus zurück. Mit der freien Hand tastete er nach dem Schalter. Fahles Neonlicht flackerte auf.
Sie sahen sich in die Augen, im Gleichtakt nach Luft hechelnd. Fleming durchsuchte den Zocker mit raschen Griffen und fand ein stattliches Bündel Banknoten. Grasgrüne Farbe: Hunderter.
Fleming steckte die Scheine ein und schob den Jungen zur Tür hinaus. Augenblicklich vergaß der Bursche seine Atemnot und rannte davon.

Transporter trafen mit Blaulicht und Sirene ein, um die Festgenommenen rund zweihundert Meter weit zum Verhör in die Polizeiinspektion zu bringen. Während sich der Kellerraum leerte, schloss Max Fleming den vermeintlichen Schrank und richtete den Spieltisch auf. Die Worte des Kripochefs: Ziehen Sie eine gute Show ab.
Ebbinghaus knipste und stellte Fragen. Eigentlich gibt es dafür den Pressesprecher, dachte Fleming und schnorrte von einem Kollegen eine weitere Zigarette, um den Zeitungsfritzen einzuqualmen.
»Wie viele waren es?« Klick, klick – und ein trockenes, demonstratives Hüsteln.
»Zehn Spieler und zwei Bankhalter plus der Aufpasser draußen im Pkw. Die Unterwelt von Lünen, wenn Sie so wollen.«
Die Kollegen verdufteten. Keiner war scharf darauf, in die Zeitung zu kommen. Ebbinghaus fragte: »Mussten Sie wieder mal … Wie nennen Sie das? Von Ihrer Schusswaffe Gebrauch machen?«
»Nein.«
Hassgefühle krochen hoch, stärker als zuvor. Fleming sah die Schlagzeilen vor sich, in denen die Zeitungen ihn zum Killerpolizisten erklärt hatten – eine tagelange Hetzkampagne. Ebbinghaus und Konsorten hatten selbst vor seinem Privatleben nicht Halt gemacht. Seine Nachbarn in Alstedde und die Kollegen an der Kurt-Schumacher-Straße hörten auf, ihn zu grüßen. Freunde machten sich rar. Er litt unter Schlaflosigkeit und traute sich nicht mehr aus dem Haus. An manchen Tagen überlegte er, allem ein Ende zu bereiten – gut, dass seine Sig Sauer zur Untersuchung ins Labor nach Dortmund geschickt worden war. Letztlich war der Zeitungsfritze auch schuld daran, dass Flemings Frau ausgezogen war und seine Ehe auf der Kippe stand. Nein, er selbst war dafür verantwortlich, korrigierte sich Fleming – sein tagelanges Schweigen, wenn ihn Schuldgefühle quälten, und sein Jähzorn, wenn man ihn in die Enge trieb.
Er hielt dem Lackaffen die Tür auf, Zigarettenrauch gegen Rasierwasserwolken pustend.
Der Reporter zeigte ein Lächeln, kalt und zynisch. »Euch Polizisten geschieht nie etwas.«
»Was wollen Sie?«
»Wie fühlt man sich, wenn man einen Menschen auf dem Gewissen hat?«
Ruhig bleiben. Nicht ausrasten. »Die Untersuchungen sind abgeschlossen. Es war Nothilfe. Der Mann hatte randaliert und war bewaffnet.«
»Das war nur ein Aschenbecher in seiner Hand.«
Fleming schwieg.
»Bleibt die Frage, was Sie in diesem Rotlichtschuppen zu suchen hatten. Und warum nie veröffentlicht wurde, wie viel Alkohol Sie nachts um eins im Blut hatten.«
Fleming riss sich zusammen. Die Behörde brauchte das Wohlwollen der Presse – und er brauchte das Wohlwollen des Kripochefs, damit endlich Gras über den Vorfall wachsen konnte.
Endlich zog der Reporter ab. Fleming zerrte sich die verdammte Krawatte vom Hals.

Er schlenderte durch den Park am Datteln-Hamm-Kanal. Seit seine Frau sich eine eigene Bude genommen hatte, hielt er sich fast nur noch zum Schlafen in seinem Häuschen auf. Ines hatte erklärt, sie brauche Abstand, um alles zu überdenken. Ihm war klar, dass der nächste Schritt der Gang zum Scheidungsanwalt sein würde.
Die Dämmerung und das miese Wetter störten ihn nicht. Immerhin war keiner unterwegs, der ihn wegen des Vorfalls vor zwei Monaten ansprechen würde. Er stapfte den aufgeweichten Weg entlang und fragte sich, was seine Frau jetzt trieb. Keiner sah Ines an, dass sie bereits vierzig war und eine erwachsene Tochter hatte, die in Düsseldorf lebte und Grafikdesign studierte. Auch wenn er nie an ihrer Treue gezweifelt hatte, traute er Ines zu, dass sie den Männern den Kopf verdrehte wie früher.
Fleming erinnerte sich an sein Handy und hörte die Mailbox ab. Ein Anruf von Heinz Toschak, dem Barmann des Flamingo. Die Stimme des alten Freundes klang gedämpft, aber aufgeregt. »Wir müssen uns treffen. Minister Achenbach IV. Um sechs an der Uhr, wo jetzt das Café ist, okay? Scheiße, Max, warum hast du dein Handy nicht an?«
Inzwischen war es halb acht. Überstunden, weil die Zocker verhört werden mussten. Fleming tippte die Nummer der Bar in die Tasten. Er fragte sich, ob Heinz ihn vor Ebbinghaus hatte warnen wollen. Vielleicht hatte der Zeitungsfritze im Flamingo geschnüffelt.
Ellen hob ab, Geschäftsführerin und rechte Hand von Lobo, dem der Nachtklub an der Mengeder Straße gehörte.
»Kann ich Heinz sprechen?«
»Einen Moment«, antwortete Ellen.
Fleming war mit dem Barmann zur Schule gegangen. Sie hatten die gleichen Bücher gelesen, die gleiche Musik gehört. Heinz war ein kleiner, unbeholfener Kerl, der sich mit Gelegenheitsjobs durchs Leben schlug und Fleming das Gefühl gab, sich stets um ihn kümmern zu müssen. Wegen Heinz hatte er sich nächtelang an den Tresen gesetzt, um die Kerle abzuschrecken, die angeblich das Flamingo bedrohten. Für hundert Euro pro Schicht und Wodka-Red-Bull bis zum Abwinken hatte er jede Nacht den Aufpasser gespielt, zusätzlich Aufputschmittel schluckend, um die Belastung durchzustehen. Bis vor zwei Monaten.
»Lobowski«, meldete sich eine heisere Stimme – der Rotlichtkönig persönlich. Von Dortmund bis Paderborn betrieb Lobo Tabledanceschuppen und Nuttenbunker. Dass er zu dieser Stunde den Fuß ins Flamingo setzte, war ungewöhnlich.
»Heinz ist nicht da«, erklärte Lobo. »Geht’s dir gut? Dein Kollege Kaufmann sagt, du wärst endgültig aus dem Schneider.«
Kaufmann vom Dortmunder KK11 hatte Flemings Schüsse auf den Randalierer untersucht. Der Mordermittler war einer der wenigen Beamten, die ihm nicht ihre Ablehnung zeigten. Aber selbst Kaufmann würde den Fall wieder aufrollen, wenn sich herumsprach, dass Fleming nicht in der Bar gesessen hatte, um den Tänzerinnen auf die Titten zu glotzen. Kaufmann würde sich an die Blutprobe erinnern und herausfinden, dass eine Mischung aus Alkohol und Speed dazu geführt hatte, dass Fleming im Flamingo die Kontrolle verloren hatte.
Er stolperte in eine Matschpfütze. Weiter vorn knutschte ein junges Pärchen auf einer Parkbank. Fleming blieb stehen und fragte in sein Handy: »War die Presse bei euch?«
»Warum?«
Er fror. Sein Hals kratzte. »Es gibt einen Reporter, der dumme Fragen wegen des Vorfalls stellt.«
»Ich kümmer mich darum. Wie heißt der Kerl?«
»Schon gut, Lobo.« Fleming beendete das Gespräch. Er traute dem Rotlichtkönig zu, irgendwelche Schläger auf den Zeitungsfritzen anzusetzen – eher kontraproduktiv.
Er wühlte in der Jeanstasche nach einem Salbeibonbon und stieß auf das Geld, das er dem Zocker abgenommen hatte.
Das Pärchen war verschwunden. Fleming schritt zur Bank und ließ sich nieder. Aus seiner Aktenmappe zog er Umschlag und Stift. Er schrieb: Ich wünsche mir, dass Sie mir vergeben könnten.
Er zählte das Geld – 2.300 Euro.
Sein Handy schrillte.
Lobowski war ganz aus dem Häuschen: »Dein Kollege Kaufmann hat angerufen. Er ermittelt wegen Heinz.“
Fleming wurde schwindlig. „Was ist los?“
„Spielende Kinder haben Heinz gefunden. Hinten beim Ufo!«

Fleming raste nach Brambauer, folgte den Schildern zum Technologiepark und hielt vor dem Pavillon am Eingang zum einstigen Zechengelände, wo Heinz ihn vor knapp zwei Stunden hatte treffen wollen. Grün-silberne und zivil lackierte Einsatzfahrzeuge verstopften die Zufahrt zu den Parkplätzen. Neben der beleuchteten Blechwand mit den Firmenschildern des Lüntec-Geländes riegelte Flatterband eine Wiese ab. Schaulustige und Mediengeier drängten sich. Ein Kollege drückte Fleming Plastiküberzieher für die Schuhe in die Hand und ermahnte ihn, nichts anzufassen.
Er kletterte über die Absperrung. Über der Wiese hing das Ufo, das Luigi Colani auf den Förderturm der stillgelegten Schachtanlage gepflanzt hatte. Als neues Wahrzeichen der Stadt wurde es nachts beleuchtet – ein Hoffnungsschimmer des Strukturwandels, nachdem sich das Kohlebuddeln nirgendwo mehr lohnte.
Viel heller als das runde Ding mit seinen Bullaugen strahlte jetzt das Gestrüpp am Ende der Wiese. Kriminaltechniker hatten Scheinwerfer aufgebaut, ein Generator brummte. Fleming stapfte durch das nasse Gras darauf zu. Eine Reling aus Eisen folgte einem Fußweg, dahinter fiel das Gelände steil ab. Kollegen in weißen Overalls hangelten sich zwischen Birken hinunter zum matschigen Grund – Spurensuche. Kaufmann war nicht darunter.
Fleming erspähte Heinz, den ein dürrer Stamm auf halber Höhe vor dem weiteren Abrutschen bewahrt hatte. Ein Rechtsmediziner machte sich an der Leiche zu schaffen. Gesicht und Schädel des Schulfreunds waren blutverschmiert.
Heinz’ Hilferuf: Warum hast du dein Handy nicht an?
Ich habe es wieder einmal vermurkst, dachte Fleming.
Er zog sich zurück, zückte sein Handy und drückte die Nummer seiner Frau in die Tasten. Er brauchte Ines. Mehr denn je. Sie war sein Anker in der Welt. Er war es leid, ohne Halt umherzutreiben.
Als er ihre höfliche Stimme hörte, wurde ihm klar, dass ihr das vielleicht ganz anders ging. Sie wies auf den Signalton hin und versprach zurückzurufen. Natürlich war Ines am Samstagabend nicht in ihrem Apartment. Sie hat längst einen anderen kennengelernt, vermutete Fleming. Einen Kerl, der ihr nicht mit Schuldgefühlen auf den Wecker geht.
Er sprach ins Handy: »Lass uns reden. Ich will mich ändern. Bitte, Ines. Unterm Strich waren es doch schöne Jahre.« Scheißanrufbeantworter.
Fleming stellte sich vor, dass Ines jetzt im Kino saß. Nicht allein. Sein Hals schnürte sich zu und seine Stimme klang wie ein Krächzen. »Heinz ist tot, Heinz Toschak. Du konntest ihn nie leiden, aber er war der einzige Kumpel, den ich von früher kannte. Ruf mich bitte zurück.«
Ein zweites Piepsen.
»Ich liebe dich«, ergänzte er und erkannte, dass der Speicher dafür keinen Platz mehr vorsah.

Max Fleming rollte die Cappenberger Straße entlang und konnte keine Parklücke entdecken. Er bog ab und stellte den Golf auf der Rückseite der düsteren Mietskaserne ab. Er nahm den Hofeingang, der unverschlossen war. Mülltüten auf dem Treppenabsatz, es roch nach Kohlrouladen und Katzenpisse. Er beeilte sich.
Im dritten Stockwerk spürte er Stiche in der Herzgegend. Er las das Klingelschild: Petzold. Der Name des Mannes, den er im Flamingo getötet hatte. Ein Witwer mit zwei Töchtern, von denen die eine um Weihnachten an einer Überdosis Ecstasy gestorben war – nach einer durchtanzten Nacht ins Koma gefallen und nicht mehr aufgewacht.
Petzolds Unglück rechtfertigte nicht den Krawall, den er in der Bar veranstaltet hatte. Den Aschenbecher, mit dem der Kerl auf Lobowski losgegangen war, hatte Fleming für eine Schusswaffe gehalten – Wodka und Speed hatten seine Sinne getrübt. Zum Glück war die Blutprobe offenbar vergessen worden, die man ihm abgenommen hatte. Heinz und Lobo konnten bezeugen, dass Petzold die Schüsse provoziert hatte. Hauptkommissar Kaufmann war zum gleichen Ergebnis gekommen: Fleming hätte nicht anders reagieren können.
Er starrte auf den Klingelknopf. Jana hieß Petzolds jüngere Tochter. Achtzehn Jahre, Schülerin am Gymnasium Altlünen und seit zwei Monaten auf sich allein gestellt – Fleming hatte alles über das Mädchen gelesen. Er erinnerte sich an die Klingel im Keller des Zockertreffs an der Münsterstraße, doch hier verließ ihn der Mut.
Er stellte fest, dass der Spalt unter der Wohnungstür breit genug war. 2.300 Euro – er würde nicht gutmachen können, was er dem Mädchen angetan hatte. Aber er konnte der Kleinen helfen. Fleming bückte sich und schob den Umschlag in die Wohnung.
Die Tür wurde aufgerissen.
Ein Messer funkelte in der Hand des Mädchens. Jana flüsterte: »Der Scheißbulle, der meinen Vater erschossen hat. Was wollen Sie hier?«

Steile Falten auf der jungen Stirn, das blonde Haar zum Pferdeschwanz gebunden. Von wegen Kleine – obwohl Jana nur Wollsocken an den Füßen trug, überragte sie Fleming um ein paar Zentimeter. In den Zeitungen war nur ihr schmales Gesicht abgebildet gewesen. Mit dem Messer dirigierte Jana ihn in die überheizte Wohnung und ans Küchenfenster. Den Umschlag mit dem Geld ließ sie ungeöffnet liegen.
Wie nach einem Langstreckenlauf rang sie nach Atem, als sie auf die Straße zeigte. »Sie gehören zu denen, stimmt’s?«
Fleming spähte hinunter. Autoreihen, Müllcontainer, blattlose Bäume im Wind. Kein Mensch zu erkennen.
Jana drückte das Messer gegen seinen Hals. Ihr T-Shirt rutschte hoch und ließ ein Tattoo auf dem flachen Bauch sehen: zwei Skorpione mit aufgestelltem Stachel. »Schwören Sie, dass Sie nicht zu denen gehören!«
Er hätte sie mit einem Griff entwaffnen können. Stattdessen hob er die Hände, um sie zu beruhigen. »Was ist denn los?«
»Die Kerle sind mir gefolgt. Sie wollen mich ebenfalls umbringen.« Wieder fiel sie in den keuchenden Flüsterton, den er kaum verstand. »Der rote Toyota dort drüben. Mein Auto. Einer von den Kerlen hat sich dran zu schaffen gemacht. Er hat es aufgebrochen und drin herumgeschnüffelt.«
Fleming entdeckte den Toyota. Leer, soweit er es von hier oben beurteilen konnte.
Etwas abseits der parkenden Autos wurde im Dunkeln ein Feuerzeug angeknipst – für einen Moment glaubte Fleming ein Gesicht auszumachen, das ihm bekannt vorkam. Brille, graue Schläfen, dann war die Flamme erloschen, nur eine Zigarette glomm. Fleming hätte sich jetzt auch gern eine angesteckt.
Ein helles Mercedes-Cabrio hielt drüben an der Bushaltestelle – diesen Schlitten erkannte Fleming auf Anhieb: Lobos Angeberkutsche. Das Verdeck war geschlossen, durch die Scheibe schimmerte der kahle Schädel des Rotlichtkönigs.
Ohne den Blick abzuwenden, fragte Fleming das Mädchen: »Wie kommst du darauf, dass dir jemand was antun will?«
»Ey, Mann! Ich hab gesehen, wie dieser Typ erschlagen wurde. Bei der ehemaligen Schachtanlage, wo das Ufo steht.«
»Heinz Toschak?«
»Wir waren verabredet. Als ich ankam, schleppten sie ihn gerade von der Straße weg. Sie haben mit Baseballschlägern auf ihn eingehauen und ihn die Böschung hinuntergeworfen. Dann haben sie mich bemerkt und sind mir hinterhergefahren.« Endlich nahm Jana das Messer von seiner Kehle. »Wenn Sie einmal in Ihrem beschissenen Leben etwas Gutes tun wollen, dann beschützen Sie mich vor diesen Killern!«
Fleming konnte es noch immer nicht fassen. »Warum hast du meine Kollegen nicht verständigt?«
»Weiß nicht. Hab kein Geld, um das Handykonto aufzuladen. Und wenn ich das Haus verlasse, kriegen mich die Kerle.«
Fleming griff nach seinem Mobiltelefon. In diesem Moment nahm er wahr, dass sich das Glimmen der Zigarette auf die Bushaltestelle zu bewegte. Ein Brillengestell blinkte, der Kerl trat aus dem Schatten. Fleming erkannte ihn: Es war Kaufmann, der Mordermittler. Der grau melierte Kollege lehnte sich gegen das Cabrio und beschwatzte etwas mit Lobo, der das Fenster heruntergelassen hatte.
Jana sagte: »Heinz Toschak kannte meine Schwester. Er hat mich zum Ufo hinbestellt, weil er mir ein Video geben wollte, das angeblich ihren Tod zeigt. Toschak sagte etwas von Drogenhandel und unterlassener Hilfeleistung. Mein Vater hat die Leute gesucht, die sie auf dem Gewissen haben, und Toschak wusste das. Er wollte, dass ich die Aufnahme an Polizei und Presse weiterleite.« Jana begann zu schluchzen. »Er rief mich an und meinte, wenn der Film veröffentlicht wird, ist Paps nicht umsonst gestorben.«
Fleming deutete zur Bushaltestelle. Hauptkommissar Kaufmann. »Siehst du den Mann neben dem Mercedes-Cabrio?«
Sie stand jetzt dicht neben ihm. Er spürte ihren Atem. »Klar. Das ist der, der gerade mein Auto geknackt hat.«
Fieberhaft versuchte Fleming, seine Gedanken zu ordnen. Seine Schüsse auf den wütenden Vater. Janas tote Schwester. Ecstasy und unterlassene Hilfeleistung. Fleming fragte sich, ob ihn der Mordermittler nach dem Vorfall nur deshalb unterstützt hatte, damit nicht noch andere Dinge zutage traten. Lobo als Drogendealer und Kaufmann als sein Komplize? Was zum Teufel zeigte das ominöse Video?
Das Mädchen – er musste Jana in Sicherheit bringen. Die Lüner Polizeiinspektion kam nicht infrage. Kaufmann würde Jana dort aufspüren.
Sein Handy gab Laut. Fleming zitterte, als er die Taste drückte und das Gerät ans Ohr hob. Der Mordermittler, dachte er. Er hat meinen Golf gesehen.
Ines war dran, seine Frau.
»Sie haben den Tod von Heinz im Radio gemeldet. Es stimmt nicht, dass ich ihn nicht leiden konnte. Er stand mir nur nicht so nah wie dir.«
Lobos Cabrio scherte aus der Haltebucht und rollte die Straße hinunter. Kaufmann war offenbar eingestiegen.
»Was ist, Max?«, fragte Ines. »Wollen wir reden oder nicht?«
»Hör zu, ich bringe jemanden mit. Jana Petzold. Sie ist zu Hause nicht sicher. Sie hat den Mord an Heinz beobachtet. Kann das Mädel bei dir übernachten?«
»Muss das sein? Warum bringst du sie nicht zur Polizei?«
»Es ist nur für eine Nacht. Ich erklär’s dir nachher. Jana ist völlig fertig mit den Nerven.«
Stille im Äther. Fleming lugte aus dem Fenster – die Straße war jetzt menschenleer. »Hör zu, die Petzold schläft in deinem Apartment und reden können wir bei mir.«
„Na gut.“
Flemings Herz klopfte, als er das Mobiltelefon wegsteckte – vielleicht würde Ines sich heute Nacht mit ihm versöhnen, vielleicht gab es keinen anderen Mann.
»Ich geh da nicht raus«, beharrte das Mädchen.
»Du hast selbst gesehen, dass die Typen weggefahren sind.«
»Sie waren zu viert. Ich hab mir das nicht eingebildet. Garantiert beobachtet noch jemand das Haus.«
»Wir gehen zum Hof raus und nehmen mein Auto. Keiner wird uns sehen.«
Sie schniefte, blickte lange aus dem Fenster, dann nickte sie und packte einen kleinen Rucksack. Fleming nahm ihre Schlüssel an sich, hob das Päckchen mit dem Geld auf und verriegelte die Wohnung von außen.
Keiner folgte ihnen auf dem Weg zu Ines.
Fleming überlegte, was er morgen dem Kripochef sagen sollte. Er beschloss zu gestehen, dass Lobo ihn mit Speed versorgt hatte. Reinen Tisch machen – seine Karriere war ihm jetzt egal. Hass auf Kaufmann stieg in ihm auf. Die Loyalität des Mordermittlers war nichts als Maskerade gewesen.

»Hab ich Sie geweckt?«, fragte das Mädchen am anderen Ende der Leitung.
»Nein.« Ines nahm den letzten Schluck aus ihrer Tasse und gab den Hörer an ihren Mann weiter. Sie trat an die Terrassentür und genoss den Blick über die Felder bis zur Lippe. Bald würden im Garten die Magnolienblüten explodieren.
Max hatte die ganze Nacht nichts getrunken, nur geraucht wie ein Schlot. Sie wusste, dass sie diesen Mann noch immer liebte. Er würde eines Tages wieder der Alte sein: Max Fleming, der gutmütige, humorvolle Kerl, den nichts aus der Ruhe brachte – sie hoffte es und war froh, dass sie eingewilligt hatte, sich mit ihm zu treffen. Er hatte sich endlich ausgeheult. Sie verstand jetzt besser, wie sehr seine Schüsse auf Petzold ihn selbst verletzt hatten.
Er legte auf und sagte: »Du brauchst dir keine Sorgen zu machen. Jana kommt bei einer Freundin in Krefeld unter. Ich hole ihr Auto, dann bist du sie los.«
»Solltest du sie nicht zur Polizei bringen, als Zeugin in einem Mordfall? Oder glaubst du ihr nicht?«
»Doch. Aber bevor ich das KK11 verständige, muss ich mit dem Kripochef etwas klären.«
Ines bohrte nicht weiter nach. Sie war es gewohnt, dass er über die Arbeit kaum ein Wort verlor. Offenbar ging es dieses Mal um mehr als die üblichen Nadelstiche gegen illegales Glücksspiel. Es freute Ines, dass Max wieder Interesse am Polizeijob fand – seine Leidenschaft kehrte zurück. Sie sagte: »Von mir aus könnte Jana auch bleiben.«
»Ich dachte …«
»Hilfst du mir, wenn ich heute Abend ein paar Sachen aus dem Apartment hole?«
»Heißt das …?«
»Ja. Ich hab’s mir überlegt.« Ines sah, wie seine hellen Augen glänzten. Sie wandte sich ab und deutete hinaus. »Unser Garten hat Pflege nötig, nehme ich an.«
Max nahm sie in den Arm.
Wir brauchen Pflege, dachte Ines, als sie sich küssten.

Die Morgensonne trocknete den Asphalt. Ines steuerte den Golf. Sie hielt die Hand ihres Mannes fest, solange sie nicht schalten musste. Als sie in die Cappenberger Straße gebogen waren, ließ Max sie anhalten.
»Wo ist Janas Auto?«, fragte sie.
»Weiter vorn. Vielleicht observieren die Täter noch immer das Haus. Ich will dich nicht in die Sache hineinziehen.«
»Pass auf dich auf.«
Er strahlte. »Ich bin so froh, dass du wieder zurückkommst.«
Sie knutschten noch einmal. Ines bereute jeden Tag ihrer Trennung.
Schließlich löste sich Max von ihr und stieg aus. Als könne sie ihren Mann beschützen, hielt Ines nach verdächtigen Personen Ausschau – aber keiner lungerte herum, um der kleinen Petzold oder Max etwas Böses zu tun.
Jenseits der Bushaltestelle blieb ihr Mann an einem roten Toyota stehen.
Als er die Tür aufschloss, startete Ines den Golf. Im Vorbeifahren hupte sie und schnappte sein Lächeln auf. Sie winkte, weil sie wusste, dass er ihr hinterherblickte.
Sie hielt die Hand noch in der Luft, als es knallte.
Etwas prasselte auf ihr Auto. Splitter regneten und sie glaubte, die Heckscheibe des Golf wäre geborsten. Dann bemerkte sie den Feuerschein im Rückspiegel.
Sie stoppte und stieg aus. Schreie aus den Häusern ringsum, ungläubige Gesichter, leere Fensterhöhlen. Der Asphalt war voller Scherben.
Ines rannte auf die Flammen zu und blieb erst stehen, als es zu heiß wurde. Roter Lack warf Blasen und färbte sich dunkel. Es stank. Ines schrie gegen das fauchende Feuer an.
Max – seine Kleidung brannte. Er beugte sich vor, als wolle er ihr etwas sagen. Ines starrte auf das verkohlte Gesicht, das eben noch das ihres Mannes gewesen war. Jetzt bleckte es lippenlos die Zähne.
Ines hörte nicht auf zu schreien, bis Hände sie packten und wegführten.
Wie durch eine Wand aus Watte nahm Ines Martinshornlärm wahr und Schutzpolizisten, die sie auf den Rücksitz eines Streifenwagens bugsierten. Sie fuhren mit ihr zu dem rot geklinkerten Kasten, der die Lüner Polizeiinspektion beherbergte.
Dort ließ man sie zunächst warten. Beileidsbekundungen von Kollegen, die Max nach dem Vorfall im Flamingo als schwarzes Schaf geschnitten hatten – Ines ließ sie über sich ergehen.
Später am Vormittag machte sie ihre Aussage. Hauptkommissar Kaufmann aus dem Dortmunder Präsidium lauschte mit großem Interesse. Sie erinnerte sich daran, dass der freundliche Brillenträger mit den grauen Schläfen ihren Mann nach den Schüssen auf Petzold fair und rücksichtsvoll behandelt hatte. Kaufmanns Loyalität hatte Max wieder aufgerichtet.
Der Mordermittler erkundigte sich nach Jana Petzold und wollte wissen, welche Vermutungen Max über den Mord an seinem Schulfreund Heinz Toschak angestellt hatte. Ines bedauerte, dass sie so wenig wusste.
»Versprechen Sie mir, dass Sie diesen Bombenleger kriegen!«
»Ich werde mein Bestes tun, Frau Fleming.«
Sie ließ ihre Tränen fließen. Eine Autobombe – Ines hatte geglaubt, so etwas gäbe es nur in Bagdad oder bei den Basken. Laut Kaufmann hatte die Hitze sämtliche Spuren vernichtet, und niemand hatte beobachtet, wie der Sprengsatz installiert worden war.
Ines stellte sich bösartige Finger vor, die Drähte verbanden und Zünder einstellten.
Sie wischte sich die Tränen aus dem Gesicht und blickte dem Hauptkommissar in die Augen.
Kaufmanns warme Hände umfassten die ihren. Sie vertraute ihm.

"Niederrhein-Blues und andere Geschichten" - zwölf Kriminalstories des Glauser-Preisträgers
Horst Eckert

(Grafit, September 2010)


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