Die Zuspitzung eines Lebens
Ein Gespräch mit Horst Eckert
Ihr neues Buch "Der Absprung" misst 64 Seiten. Wie sollen wir es nennen? Für einen Roman ist es zu knapp, für eine Kurzgeschichte zu lang.
Als der Begriff noch in Mode war, hätte man vermutlich "Novelle" gesagt. Hätte ich die Geschichte auf übliche Romanlänge aufgeblasen, wäre sie voller überflüssigem Klimbim. Lieber knapp und gut. Nennen Sie es meinetwegen eine Kriminalerzählung.
Das Motiv des SEK-Beamten, der aufgrund einer Parkinson-Erkrankung für seine Dienststelle untragbar wird, kennen wir aus Ihrem Roman "Die Zwillingsfalle".
Und ich wollte diesen Aspekt des Romans schon immer mal zu Ende erzählen. Ein Anlauf dazu war die Kurzgeschichte "Der geniale Zetteltrick", die ich 2001 für die "Literarische Welt" verfasste und die danach allerdings nie in Buchform erschien, außer in bulgarischer Übersetzung. Nun fand ich endlich die Gelegenheit beides zu einer kompletten Geschichte aus einem Guss zu kombinieren.
Die Figur heißt jetzt Tom Giering. Warum der Namenswechsel?
Weil es eben keine Kurzform der "Zwillingsfalle" ist. Obwohl ich zu Beginn einige Motive daraus aufgreife, ist es eine neue Geschichte mit eigenem Thema und gänzlich anderer Handlung.
Die Reihe "Kaliber .64" des Hamburger Verlags Edition Nautilus beinhaltet auch eine Vorgabe: 64 Seiten und Schluss. Wie kamen Sie damit zurecht?
Erst einmal schrieb ich drauflos und überzog um rund zehn Prozent. Weil ich nicht ganze Kapitel streichen wollte, überprüfte ich den Text auf jedes einzelne überflüssige Wort. Eine Praxis, die ich aus meiner Vergangenheit als Fernsehjournalist kannte. Und tatsächlich erreichte ich mühelos die geforderte Seitenzahl. Zugleich wurde der Text noch konzentrierter als sonst und gewann enorm, wie ich finde. So wurde die Verlags-Vorgabe zum Ansporn zur sprachlichen Disziplin.
Kein überflüssiges Wort
Sie arbeiten auch an einer Filmversion von "Der Absprung". Wenn Sie einen Abnehmer für das Drehbuch fänden, wäre das nach acht Romanen die erste Verfilmung.
Immer wieder meldeten sich in den letzten Jahren Produzenten und Regisseure, die von meinen Romanen begeistert waren, doch letztlich fanden sie keinen Sender, der so komplexe Stoffe verfilmen wollte. Bei drei Hauptfiguren oder mehreren Zeitebenen versagt schon mal die Phantasie eines Fernsehredakteurs, der nur in fest gefahrenen Bahnen denkt. "Der Absprung" ist dagegen eine geradlinig erzählte Geschichte ohne allzu viel Personal und schon im Eingangskapitel drängten sich mir die Filmbilder förmlich auf. Vielleicht schreckt das tragische Ende die Sender ab, aber die Zuschauer wollen nicht bloß "Traumschiff" und "Winzerkönig". Davon bin ich überzeugt.
Gerade der Schluss steckt voller emotionaler Kraft. Keine Angst vor Sentimentalität?
Im Gegenteil. Gute Literatur muss die Leser packen, darf sie nicht kalt lassen. Wenn ich nach einem großartigen Film aus dem Kino komme, beschäftigen mich die Figuren noch einige Zeit. Diesen Effekt mit meinen Krimis zu erzeugen, ist mein Ziel.
Nach "617 Grad Celsius" wurden Sie als Meister des Politkrimis gefeiert, mit der Kurzgeschichte "Wege zum Ruhm" legten Sie sich gar mit dem Düsseldorfer Oberbürgermeister an und erhielten Lesungs-Verbot. Nun ein Cop-Drama beziehungsweise eine zu Herzen gehende Vater-Sohn-Geschichte. Abschied vom politischen Engagement?
Auch einen Polizeiroman kann man politisch deuten
Ich bin ohnehin kein Autor mit Botschaft und Zeigefinger. Aber wer will, kann auch einen Polizeiroman politisch deuten. Im nächsten Roman, an dem ich gerade arbeite, gibt es ein Wiedersehen mit Dagobert Kroll, dem - fiktiven - Düsseldorfer Stadtoberhaupt aus "Wege zum Ruhm". Nicht um den echten OB zu ärgern, sondern weil es die Geschichte verlangt. Natürlich schildere ich darin menschliche Verhaltensweisen, die in der politischen Sphäre oft ihre ganz eigene Zuspitzung erfahren, nicht nur in Düsseldorf.
Wann erscheint der Roman und wie wird er heißen?
Grafit plant ihn für das erste Halbjahr 2007, einen Titel gibt es im Moment noch nicht.
Und wann lesen wir wieder eine "Novelle" von Ihnen aus der Reihe "Kaliber .64"?
Eins nach dem anderen. Voraussetzung wäre ein Stoff, der wie "Der Absprung" genau dieses Format braucht.
Vielen Dank für das Gespräch.
Horst Eckert, Jahrgang 1959, wuchs in der Oberpfalz auf und studierte Politikwissenschaft in Erlangen und Berlin, bevor er 15 Jahre lang als Fernsehjournalist arbeitete. 1995 erschien sein Debüt "Annas Erbe" im Dortmunder Grafit-Verlag. Für "Ausgezählt" erhielt er 1998 den Marlowe-Preis der Raymond-Chandler-Gesellschaft, für "Die Zwillingsfalle" den Friedrich-Glauser-Preis der Autorenvereinigung "Syndikat". Seine Romane wurden ins Tschechische und Französische übersetzt. Eckert lebt in Düsseldorf.
"Der Absprung": Geradlinig, konzentriert und voller emotionaler Kraft.