"Wie es gewesen sein könnte"

Interview mit Horst Eckert

aus: "Bücher", März 2015

Die Fragen stellte Meike Dannenberg:

Als die RAF gegründet wurde, waren Sie elf, im Deutschen Herbst 1977 achtzehn Jahre alt. Hat die Atmosphäre von damals Einfluss auf das, worüber Sie heute schreiben?

Natürlich, die Ereignisse ließen niemanden kalt, auch in der bayerischen Provinz nicht. Die Stimmung war aufgeheizt, die Gesellschaft gespalten. Die Polizei machte Straßenkontrollen mit vorgehaltener MP. Linke gerieten unter Rechtfertigungsdruck, selbst wenn sie keine Sympathisanten waren. Die RAF blieb für mich lange ein Thema. Als es mich nach Düsseldorf verschlagen hatte, wurde kurz darauf am Rheinufer Rohwedder ermordet. Irgendwann musste ich darüber schreiben. Mit Vincent und seiner Mutter konnte ich es jetzt.

Wie kam es zu der Idee, dass Vincent Che Veih, der Hauptkommissar der Ermittlungen, eine ehemalige RAF-Terroristin als Mutter hatte?

Ich suchte nach einem Kommissar mit einem ungewöhnlichen Bruch in der Biographie. Vincent wurde mit sieben Jahren von seiner Mutter weggegeben, weil sie in den Untergrund ging. Das gab ihm einen Knacks und erklärt einige Facetten seines Charakters, auch warum er nicht immer so funktioniert, wie seine Chefs es gerne hätten. Er wuchs bei den Großeltern auf, verfolgte das Leben der Mutter in den TV-Nachrichten und wusste nie, ob er sie hassen oder ihr die Daumen drücken soll. Nachdem sie aus dem Gefängnis entlassen wurde, blieb das Verhältnis gespannt. Und rasch war mir klar, dass Vincent zur Hauptfigur einer ganzen Romanreihe taugt.

Wie viel des Romans ist aus Fakten zusammengetragen, die dann verfremdet wurden?

Sämtliche Figuren sind erfunden. Aber viele Details entsprechen der Wirklichkeit, bis hin zur Farbe des Handtuchs, das am Tatort des Rohwedder-Mords zurückgelassen wurde.

Man hat beim Lesen ein wenig das Gefühl, einer Schnitzeljagd nach „Klar-Namen“ zu folgen. Zum Beispiel kann man durchaus das Mordopfer Winneken als den 1991 ermordeten Treuhandanstaltschef Detlev Karsten Rohwedder identifizieren. Ebenso wird der vermeintliche Mörders Winnekens Alfred „Freddy“ Meisterernst, unter ähnlichen Umständen im Roman erschossen, wie Wolfgang „Gags“ Grams, der den Mord an Rohwedder verübt haben soll. Geht es in „Schattenboxer“ um eine Variante der Wirklichkeit, wie es gewesen sein könnte?

Darin besteht ja die Wahrhaftigkeit von Fiktion: dass sie erzählt, wie es gewesen sein könnte, dass sie Bezüge zu unserem Leben herstellt, die vielleicht zum Nachdenken einladen. Trotzdem habe ich dem Treuhandchef einen anderen Namen gegeben, um zu unterstreichen, dass der Roman ein Gedankenspiel ist und keine Variante journalistischer Arbeit.

Macht lädt zum Missbrauch ein

Beschäftigen Sie Verschwörungstheorien häufiger, wenn Sie dramatische Geschichten in den Medien hören?

Natürlich (lacht). Gerade wenn Geheimdienste im Spiel sind, deren Job ja im Täuschen und Tarnen besteht. Als Autor kann ich gar nicht anders. Was aber nicht heißt, dass ich an Ufos, Aluhüte und die Islamisierung des Abendlandes glaube.

Liest man eine Kritik des Systems auch in „Schattenboxer? Korruption und Vertuschung im Polizeiapparat und beim Bundesnachrichtendienst? Eine Riesenschlamperei, wie es Veih, am Ende ausdrückt?

Anspruch und Wirklichkeit klaffen stets auseinander. Macht lädt zum Missbrauch ein, auch in unserer bundesdeutschen Demokratie. Darüber zu schreiben, tut vielleicht manchen Leuten weh, aber für Systemkritik halte ich das nicht. Freiheit und Demokratie leben doch von Kritik.

Die Linken im Roman sind allerdings zum Teil auch nicht gerade integer. Was macht sie aus?

Zum Beispiel der Liedermacher Hagenberg: An ihm interessieren mich der Opportunismus, die tragische Verstrickung und das krampfhafte Festhalten an einer korrekten Fassade. Ihn habe ich erfunden, aber es gibt solche Persönlichkeiten. Wie wird jemand so? Welche Katastrophen löst das aus? Am spannendsten finde ich Figuren, die nicht eindeutig gut oder schlecht sind.

Mitläufer und Karrieristen

Schlug das Pendel, das in der Generation davor nach rechts schwang mit gleicher Wucht eine Generation später nach links? Wie kommt es, dass Sie diesen Handlungsbogen spannen?

Die Generation davor war die der Nazis und ihrer Mitläufer, auch wenn es nach ’45 keiner gewesen sein wollte. Die 68er schlugen nach links aus, aber das war kein Automatismus. Der linksorientierte Hagenberg hasste seinen nationalsozialistischen Vater, seine Schwester aber liebte ihn, trotz der Vergangenheit. Mich beschäftigen die menschlichen Spannungen, die aus diesen Konflikten folgen.

Wie kommen Sie selbst zu diesen Themen, zu den großen Bewegungen in Wirtschaft und Politik im Plot?

Die Welt ist voll davon. Und sie ermöglichen es, die alten Geschichten menschlicher Tragödien auf immer neue und spannende Weise zu erzählen.

Wie kann der Leiter des KK11 Hauptkommissar Vincent Che Veih da herauskommen? Hat er eine Chance, mit seinem rechten Großvater und seiner Mutter, sich jemals mit der deutschen Vergangenheit auszusöhnen?

Mit den Verbrechen des Großvaters wird sich Vincent nie versöhnen können, doch der ist lange tot. Brigitte Veih hat ihre Strafe abgesessen, aber bis Vincent sie in die Arme nehmen kann, werden vermutlich noch einige Fortsetzungen vergehen.

Freiheit verteidigen

Auch in der Gegenwart ist eine Vertuschung im Morddezernat im Gange. Gibt es keine positive Entwicklung hin zu mehr Transparenz, weniger Korruption am Ende des letzten Jahrtausends?

Verstehen Sie mich nicht falsch, ich bin kein Pessimist, ich leugne auch nicht die großen Fortschritte seit 1945. Aber die Zivilisation ist brüchig, die menschliche Gesellschaft nicht frei von Gewalt und Leid. Der Kriminalroman bleibt für mich die adäquate literarische Gattung. 

Und was ist mit der politischen Entwicklung heute? Auf oder ab? Steuern wir mit Pegida in eine neue Radikalität?

Ja, mit Pegida einerseits und den Islamisten andererseits. Beide Extreme sind auf ähnliche Art verrückt. Gegen beide müssen wir die Freiheit verteidigen. Aber auch gegen einen Staat, der uns im Namen der Sicherheit immer weiter überwachen will.

Fühlen Sie sich als Autor, der politische Geschichte im Blick hat, aufgerufen, über diese Entwicklung zu schreiben?

Ein Impuls ist das schon manchmal. Als Ende 2011 die NSU-Morde entdeckt wurden, wollte ich sofort darüber schreiben. Aber im Zentrum meiner Arbeit stehen die persönlichen, privaten Konflikte der Figuren. Erst durch sie lebt mein Roman. Über ihre Geschichte finde ich den Zugang zum Rest.

Mit den Figuren leben

Zum Buch. Wie schafft man es, in einer solchen Menge handelnder Personen in verschiedenen Zeitebenen nicht selbst den Faden zu verlieren?

Ich schreibe mir ihre Biografien auf und die Abfolge der einzelnen Handlungsstränge. Am wichtigsten ist es, dass ich meine Figuren möglichst gut kenne. Aber das ist mein Job. Ich lebe mit ihnen.

Man hat den Eindruck, Sie haben viel mit verschiedenen Polizisten im aktiven Dienst gesprochen. Über den Beamtenalltag, die Gepflogenheiten im Dienst?

Das geht vom Gespräch bis hin zum Mitfahren im Einsatz. Ich muss Details und Atmosphäre kennen, um meine Geschichte so lebhaft und lebensecht zu schildern, wie es mir wichtig ist. Erst recht, wenn ein Teil der Handlung davon abhängt – im Fall von „Schattenboxer“ z.B. das Fälschen von Fingerabdrücken.

Der nächste Fall für Vincent Veih

Wer liest gegen?

Meine Frau, mein Bruder. Zumindest kapitelweise auch die Fachleute, die ich bei den Recherchen zu Rate ziehe. Ein besonders akribischer Kommissar hatte Zweifel bei der Stelle mit den Fingerabdrücken und dann selbst noch einmal zwei Sachverständige konsultiert (lacht). Und zum Glück habe ich im Verlag eine ausgezeichnete Lektorin.

Sie schreiben dieses Jahr seit 20 Jahren Kriminalromane, Annas Erbe erschien 1995. Hat sich seitdem etwas in der Szene der deutschen Kriminalliteratur verändert?

Sie ist größer und vielfältiger geworden.

Hat das Auswirkungen auf Ihr Schreiben?

Ich bin erfahrener geworden, schiele nicht mehr auf Vorbilder wie bei den ersten zwei, drei Romanen. Ob sich mein Schreiben verändert hat, müssen andere beurteilen.

Gibt es einen Unterschied in der Zusammenarbeit mit einem relativ kleinen Verlag, wie Grafit, oder einem großen Hause wie Rowohlt?

In der Zusammenarbeit ist der Unterschied gar nicht riesig. Überall arbeiten Profis, die ihr Bestes geben. Ein großer Verlag hat aber mehr von diesen Profis und dadurch mehr Power, um einem Buch die Leserschaft zu besorgen, die es verdient.

Gibt es schon eine thematische Idee für den nächsten Roman mit Vincent Veih?

Ja. Aber davon erzähle ich Ihnen im nächsten Jahr.

(Copyright: Bücher Magazin)

Die Pressestimmen zu "Schattenboxer" finden Sie hier. Noch Fragen? Bitteschön. Und hier die Termine der Lesereise.



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