Die Welt, wie sie bröckelt und Risse bekommt
Horst Eckert über "Königsallee"
"Königsallee" ist der neunte Roman des mehrfach preisgekrönten Kriminalschriftstellers Horst Eckert. "Düsseldorfs Prachtmeile als Symbol für die Abgründe hinter Glanzfassaden", so der Verlag in seiner Ankündigung im Jahr 2007. In gewohnter Hochspannung verknüpft der ehemalige TV-Journalist Eckert den Mord an einem Polizeispitzel mit Lokalpolitik und einer Mafiagruppierung, die am liebsten eine ganze Stadt kaufen möchte. Mit dem Autor sprach Christoph Müller.
Was macht für Sie die Faszination am Polizeiroman aus?
Die Polizei arbeitet nun mal an der Schnittstelle zwischen Recht und Verbrechen, also dort, wo es interessant wird. Polizeialltag bedeutet Einblick in alle erdenklichen sozialen Milieus und Konfrontation mit allem, was die Kriminalliteratur thematisiert. Und wenn diese Schnittstelle zur Grauzone wird, wenn die Grenzen zwischen Gut und Böse verschwinden, Polizeibeamte zum Beispiel zur Gegenseite überlaufen oder schlicht die Orientierung verlieren, wird es für mich vollends spannend.
Sie haben fünfzehn Jahre als Fernsehjournalist gearbeitet. Was hat Sie bewegt, in das Erzählen über Fiktives zu wechseln?
Zuerst war es die Lektüre einiger Kriminalromane, die ich zwar originell, aber sprachlich nicht gut fand und die mich überlegen ließen, wie ich es formulieren würde. Die Konsequenz war, es mit einem eigenen Stoff mal selbst zu versuchen. Und dabei habe ich Blut geleckt.
Welche Bedeutung hat für Sie das Schreiben?
Ich kann mir keine schönere Arbeit vorstellen. Oft ist es natürlich Plackerei. Wenn das allerdings umschlägt in Spaß am Fabulieren, dann spüre ich, dass es auch den Lesern Spaß machen könnte. Und ich glaube, dass ich mich von Roman zu Roman weiterentwickle.
Welches Ziel verfolgen Sie mit Ihren tiefgründigen Milieubeschreibungen?
Vor allem will ich damit der Klischeefalle entgehen. Die Wirklichkeit zeigen und nicht einen Abklatsch davon, wie ihn das Fernsehen schon zur Genüge bietet.
Nur Unterhaltung oder auch Gesellschaftskritik?
Ich hole mir Anregungen von den Menschen, der Gesellschaft um mich herum und hoffe, etwas über die Menschen und die Gesellschaft zu erzählen - mit den Mitteln der Fantasie und der Unterhaltung. Ich schreibe nicht, um zu kritisieren. Aber indem ich über die Welt schreibe, wie sie bröckelt und Risse bekommt, können die Leser eine eigene kritische Haltung im Roman gespiegelt sehen.
In Ihren Romanen lassen Sie auch Menschen aus gutem Hause auftreten, die mit allerlei psychischen Störungen beladen sind. Warum?
Das Leben ist voller abseitiger Facetten, nicht nur in der sogenannten Unterschicht. Gerade das Ungewöhnliche fasziniert uns und wir fragen uns, ob etwas davon auch in uns selbst steckt. Was mich nicht interessiert, ist der Polizist, der nur ermittelt, weil es eben sein Job ist. Und wenn er den Mörder fasst, ist das Böse aus der Welt. Nein, das wäre mir zu harmlos. Die Gründe, warum Menschen zerbrechen oder zu Verbrechern werden, bleiben in Wirklichkeit trotz der Ergreifung des Täters erhalten. Das möchte ich in meinen Romanen zeigen.
"Königsallee" knüpft in gewisser Weise an Ihre Kurzgeschichte "Wege zum Ruhm" an. Was treibt Sie an, auch kommunale Geschehnisse als Matrix für Ihren Roman zu nutzen?
Im neuen Roman versucht eine Mafia-Gruppierung, sich in Düsseldorf durch Investitionen unentbehrlich zu machen. Dass ich einen fiktiven Oberbürgermeister brauche, um das zu erzählen, liegt auf der Hand. Und ich wäre dumm, wenn ich nicht einige Vorlagen, die mir die Politik liefert, aufgreifen würde. Aber es geht mir nicht um reale Personen, sondern um allgemeine menschliche Verhaltensweisen. Parallelen zu Dagobert Kroll und seinen Kofferträgern finde ich überall in Deutschland.
Mit "Wege zum Ruhm" eckten Sie in Ihrer Heimatstadt an. Eine Lesung in der Stadtbücherei wurde von der Rathausspitze verboten. Liegt darin der Anlass für die satirische Schärfe mancher Passagen von "Königsallee"?
Nein, denn die Arbeit an dem Roman hatte bereits vor zwei Jahren begonnen. Aber das Verhalten der Stadtverwaltung schärfte sicherlich meinen Blick auf die Niederungen der Politik.
"Königsallee" ist Ihr neunter Polizeiroman. Gibt es Überlegungen, das Genre zu wechseln?
Nein. Ich habe in jedem Buch neue Hauptfiguren, Themen und Milieus. Das Genre und die Wirklichkeit geben noch viel her. Allerdings habe ich im Moment noch keinen blassen Schimmer, wie mein zehnter Kriminalroman aussehen wird. Erst einmal muss ich noch ein Drehbuch fertig schreiben und zwischendurch auf Lesereise gehen.
(Königsallee, Grafit-Verlag, 409 Seiten, 18,90 Euro.)
Christoph Müller arbeitet hauptberuflich in der forensischen Psychiatrie als Pfleger, ist freier Autor und Krimiliebhaber. Abdruck des Interviews (auch in Teilen) nur mit Genehmigung von Christoph Müller.
