"Eine Welt fliegt in die Luft" 

Interview, Februar 2005

Horst Eckert, 1995 haben Sie mit "Annas Erbe" Ihre Karriere als Krimi-Autor begonnen. Jetzt, genau zehn Jahre später, liegt - nach einem "Marlowe-Preis" (1997 für "Aufgeputscht") und dem renommierten "Friedrich-Glauser-Preis" (2001 für "Die Zwillingsfalle") - Ihr achter Roman "617 Grad Celsius" vor. Was hat sich in dieser Zeit verändert, weiterentwickelt, was ist gleich geblieben?

Vor allem meine Arbeitsweise hat sich erheblich verändert. Die Rohfassung meines Debüts "Annas Erbe" hackte ich in nur acht Wochen in die Tasten. Für "617 Grad Celsius" habe ich dagegen rund achtzehn Monate gebraucht, obwohl ich meinen Arbeitstag inzwischen fast ausschließlich mit der Schriftstellerei verbringe.
Wahrscheinlich ist es normal, dass ein Autor an Unbefangenheit verliert. Ich schreibe nicht mehr einfach drauflos. Dazu kommt, dass ich mit jedem Roman etwas Neues und möglichst noch Besseres schaffen möchte. Obwohl ich routinierter geworden bin, feile ich immer länger an der Sprache. Als ich jetzt mit den letzten Korrekturen fertig war, fühlte ich mich regelrecht erschöpft. Trotzdem gibt es für mich nichts Schöneres, als ungewöhnliche Menschen und ganze Romanwelten zu erfinden.
Geblieben ist die Art, wie ich meine Hauptfiguren anlege. Es sind Kripo-Leute, die nicht nur ihren Job tun, sondern deren private Geschichte mit dem Verbrechen verflochten ist und anhand der Aufklärung erzählt wird.

Eine starke Frau

In den meisten Ihrer Romane gibt es zwei oder sogar drei Protagonisten. In "617 Grad Celsius" geht es im Wesentlichen um die junge Kommissarin Anna Winkler. Was hat Sie dazu bewogen, sich auf diese einzige Figur zu konzentrieren?

Wenn ich zwischen verschiedenen Charakteren wechsle (wie z.B. in "Aufgeputscht", "Die Zwillingsfalle" oder "Purpurland"), ermögliche ich Sichtweisen, die sich gegenseitig widersprechen können, was sehr reizvoll sein kann. Aber ich will nicht immer nach dem gleichen Schema schreiben, auch wenn es noch so gut funktioniert hat. Zudem schaffe ich eine unmittelbare Identifikation des Lesers mit der Hauptfigur, wenn ich nur aus ihrem Blickwinkel erzähle. Anna Winkler schafft es spielend, den Roman ganz allein zu tragen. Eine starke Frau, trotz oder gerade wegen ihrer Schwächen. 

In Ihren Romanen wird häufig gestorben - nicht umsonst rechnet man Sie der Hard-Boiled-Schule zu. Woher stammt diese Faszination für Brutalität und kaputte Typen?

Ohne es beabsichtigt zu haben, ist "617 Grad Celsius" vermutlich mein "unblutigster" Roman geworden. Aber natürlich geht es auch hier um Gewalt und Tod - seit Urzeiten zentrale Themen der Literatur. Und zwiespältige Charaktere sind nun einmal faszinierender als nette, glatte Kommissare. Schwarzweiß-Malerei ist nicht mein Ding. Und sie wäre obendrein weltfremd. Die Welt wird nicht heil, indem ein Mörder gefasst wird.

Mit beiden Füßen in der Wirklichkeit

Die meisten Ihrer Beamten sind meilenweit vom Idealbild des "Freundes und Helfers" entfernt . Inwieweit stimmt diese Darstellung mit der Realität überein? Und woher beziehen Sie Ihr Insiderwissen?

Der Blick in die Zeitung bestätigt vieles, was meine Phantasie entwickelt hat - nämlich dass die Schnittstelle zwischen Verbrechen und Polizeiarbeit zur Grauzone und zum Sumpf werden kann. Im Ouvertürekapitel von "Finstere Seelen" nötigt ein Polizist eine Prostituierte zum Geschlechtsverkehr. Ein paar Monate nach Erscheinen des Buchs stand in Düsseldorf ein Beamter wegen eines solchen Delikts vor Gericht. Jetzt machen sie mich also schon nach. (lacht)
Wobei Korruption auf verschiedene Arten stattfindet. Es geht um Anerkennung, Karriere, Macht oder Geld - das sind die "Werte", um die sich nicht nur mein Polizeipräsidium dreht, sondern unsere Gesellschaft insgesamt. Und das mache ich zum Thema meiner Romane.
Woher ich das nötige Insiderwissen beziehe? Kriminalliteratur muss mit beiden Füßen in der Wirklichkeit verankert sein. Also recherchiere ich, sammle Material, frage Profis und begleite Polizeieinsätze. Ich hätte "617 Grad Celsius" sicher nicht schreiben können, wenn mir nicht ein renommierter Brandursachenermittler Einblick in Details seiner Arbeit gewährt hätte.

Sie sind gebürtiger Oberpfälzer und doch spielen alle Ihre Romane in Düsseldorf.
Wie "nahe" sind Ihnen Ihre rheinländischen Protagonisten?

Nahe genug, um sie zu kennen - ich lebe seit 1987 am Rhein -, und fern genug, um ihnen nicht auf den Leim zu gehen. Es gibt Leute, die meine Romane gelesen haben, bevor sie nach Düsseldorf gezogen sind, und heute behaupten, sie hätten die Stadt bereits durch die Bücher kennen gelernt. Mich amüsieren solche Aussagen, denn ich nehme mir oft die Freiheit, Orte zu erfinden, die es in Düsseldorf gar nicht gibt. Wichtig ist, dass es sie geben könnte. Letztlich steht Düsseldorf für deutsches Großstadtleben insgesamt - als Heimatautor sehe ich mich nicht.
Völlige Freiheit nehme ich mir mit den Figuren. Sie sind meine Geschöpfe, unabhängig von Vorbildern. Es gibt in kein "Alter Ego", aber indem ich mich beim Schreiben in die Figuren hineinversetze, fließt natürlich auch etwas Persönliches mit hinein. Das gilt gerade für "617 Grad Celsius", zum Beispiel für das Verhältnis Annas zu ihrem Vater. Kann sein, dass ich da auch etwas Erlebtes verarbeiten musste.

Bei Ihren Romanen von einer "Serie" zu sprechen, trifft es nicht ganz. Zwar gibt es durchgängige Figuren, doch in jedem Buch steht ein neuer Polizist im Vordergrund. Haben Sie vor, dieses Schema auch in Zukunft beizubehalten?

Ja. Denn erstens kann ich jeder Hauptfigur nur einmal zumuten, was ihr da im Roman passiert, zum anderen möchte ich weder mich noch meine Leser mit Wiederholungen langweilen. Serienhelden werden irgendwann zum Klischee ihrer selbst. Wenn auf einem Buchcover steht: "Der x-te Kommissar-Soundso-Roman", dann stellt sich bei mir schon das Gähnen ein.
Natürlich weiß ich, dass Leser ihren lieb gewonnenen Romanfiguren gern wieder begegnen. Und so treffen wir in "617 Grad Celsius" Ela Bach, Benedikt Engel und den Journalisten Alex Vogel wieder. Aber es ist die Geschichte einer neuen Hauptfigur.

Peer Steinbrück ist nicht gemeint

Wie viel von Ihrer Arbeit als Fernsehjournalist fließt in Ihre Bücher ein?

Ich habe mich vor zehn Jahren dazu entschlossen, nicht der hundertste krimischreibende Journalist sein zu wollen, der ausgerechnet einen Reporter zum Romanhelden hat. Deshalb schreibe ich über Polizisten, auch wenn ich nie Polizei- oder Gerichtsreporter war. Aber die Medien prägen unsere Gesellschaft und ich benutze sie in meinen Romanen, um die Handlung zu reflektieren und dabei auch die absurde Tatsache zu thematisieren, dass die Spiegelung des Lebens in den Medien oft eine größere Bedeutung erhält als das Leben selbst.
In "617 Grad Celsius" geht es unter anderem um einen Ministerpräsidenten, der kurz vor der Wiederwahl steht und verhindern muss, dass eine seiner großen Lebenslügen enttarnt wird. Vielleicht war es mir ein gewisses Bedürfnis, den Job eines Berufspolitikers zu beleuchten, nachdem ich als Journalist fünfzehn Jahre lang solche Leute beobachtet und begleitet habe. Um Missverständnisse zu vermeiden: Peer Steinbrück ist in "617 Grad Celsius" nicht gemeint.

Eine junge Kommissarin mit Stärken und Schwächen - wie sähe die optimale Besetzung für eine Verfilmung aus und wer müsste das Drehbuch schreiben?

Beim Schreiben denke ich nur an meine Figuren, nicht an die Verfilmung oder gar an konkrete Schauspieler. Literatur schafft das "Kino im Kopf" - und das hat nichts mit den dramaturgischen oder produktionstechnischen Gesetzen eines TV-Movies zu tun. In der Literatur steckt viel größere Freiheit.
Schon oft waren Produzenten von meinen Romanen begeistert, erwarben Optionen auf die Filmrechte und boten Fernsehsendern die Stoffe an. Doch die Fernsehredakteure scheuen das Risiko und kopieren lieber das Althergebrachte. Bislang fanden sie meine Romane zu düster oder zu komplex für das 20-Uhr-15-Publikum.
Aber im Prinzip halte ich jeden guten literarischen Stoff für verfilmbar. "617 Grad Celsius" zeichnet sich formal durch die Verzahnung verschiedener Zeitebenen aus. Ich wäre gespannt, wie eine filmische Umsetzung aussehen würde.

Zum Abschluss die brennende Frage: Was verbirgt sich hinter der Temperaturangabe des neuen Titels?

617 Grad Celsius ist die Temperatur, die Erdgas in Brand setzt bzw. ein Erdgas-Luft-Gemisch zur Verpuffung bringt. Die Explosion eines Wohnhauses im Stadtzentrum Düsseldorfs verknüpft in dem Roman alte und neue Verbrechen mit dem Leben der Protagonistin.
Im übertragenen Sinn fliegt auch Anna Winklers gesamte bisherige Welt in die Luft. Wie sie damit fertig wird, davon handelt das Buch. Mehr darf ich noch nicht verraten. Ein Roman, der die Leser nicht kalt lässt, so hoffe ich.

Vielen Dank für das Interview.

(Die Fragen stellte Michaela Pelz, Chefredakteurin Krimi-Forum)

"Wenn Hitchcock Deutscher wäre, hieße er vermutlich Horst Eckert. In einer moderneren Variante natürlich: Eckert spielt mit unseren Nerven und dies mit den Mitteln des 21. Jahrhunderts."
(Olivier Mannoni, Goethe-Institut Frankreich)

"Peer Steinbrück ist nicht gemeint."
(Horst Eckert über Uwe Strom, des Mordes verdächtigter Ministerpräsident Nordrhein-Westfalens in "617 Grad Celsius")


Copyright © 2004–2010 Horst EckertProgrammierung: schafft.biz, Essen