Juwelen am Hellweg

von Horst Eckert

(aus: "Niederrhein-Blues und andere Geschichten", Grafit, September 2010)

Gierig sog Rabe die morgendlich kühle Herbstluft ein, als er mit seiner Reisetasche nach draußen trat. Die Freiheit inhalieren - fünf Jahre lang hatte er diesen Moment herbeigesehnt. Dann fiel sein Blick auf Rita, die Blonde aus Unna, die ihren Opel-Corsa vor den Fahrradständern geparkt hatte. Sie hatte ihn nicht enttäuscht.
Er war sich nicht sicher, wie er sich verhalten sollte. Ein Händedruck - er spürte, dass sie ähnlich befangen war. Rabe stieg zu seiner neuen Freundin ein.
Sie startete den Motor und sagte: "Der Bewährungshelfer hat dir in Dortmund ein Apartment besorgt."
Rita. Gewelltes Blondhaar, am Ansatz dunkel. Eine gute Figur, fand Rabe, zumindest an den Stellen, die wichtig waren. Und ein Profil, das Entschlossenheit ausstrahlte - diese Eigenschaft hatte er bereits in ihren Briefe erkannt.
"Bloß nicht Dortmund", antwortete er.
"Wohin dann?"
"Autobahn."
Beim Losfahren kreischte der Keilriemen der alten Karre. Rabe vermied den Blick zurück. Der Knast von Werl war kein Ort, den man in Erinnerung behalten sollte.
Erst an der nächsten Kreuzung spähte er die Straßen entlang. Kein Mensch weit und breit, der sie zu beschatten schien, doch Rabe wusste nicht, ob er dem Frieden trauen konnte. Selbst an Ritas Motiven hatte er anfangs gezweifelt. Als hätte sie es auf die Steine abgesehen und nur deshalb auf seine Kontaktanzeige geantwortet.
Nichts ist sicher und auf niemanden ist Verlass - Rabes Credo seit der Kindheit.
Rita kurvte durch ein Wohngebiet, den blauen Schildern folgend. Sie sagte: "Ich hab Kuchen dabei. Selbstgebacken. Mit Mangos. Ich dachte, wir weihen dein neues Zuhause ein."
"Eins nach dem anderen. Zuerst geht's nach Eringerfeld."
"Klingt nach 'nem gottverlassenen Kuhkaff in Ostwestfalen."
Er lachte. "Weißt du, dass du heute noch schöner bist als bei deinem Besuch im Knast?"
"Schmeichler."
Als sie den Zubringer erreichten, beugte sich Rabe hinüber und küsste Rita auf die Wange. Er glaubte zu spüren, dass es ihr gefiel - das Eis war gebrochen.
Der Tag fing gut an. Und in wenigen Stunden würde er reich sein.
"Was willst du in dem Kaff?", fragte Rita.
Sie hat keine Ahnung, stellte Rabe fest. Woher auch. In seinen Briefen hatte er nichts verraten, denn die Bullen überwachten die Post im Knast. Vor allem, wenn sie einen Einbrecher hatten, nicht aber seine Beute.
"Ich bin dort aufgewachsen", antwortete Rabe.
Im Kreuz Werl wechselten sie auf die A 44 und rauschten ostwärts Richtung Kassel. Die Landschaft wirkte trist unter dem grauen Himmel. Keine Blätter mehr im Gestrüpp längs der Böschung. Dahinter drehten sich Windräder.
Rabe bemerkte, dass seine Freundin in den Rückspiegel blickte. Sofort meldete sich seine Paranoia wieder. Ein weißer Mercedes klebte an der Stoßstange. Endlich scherte der Bonzenschlitten auf die linke Spur und zog vorbei. Ein Mann mit Hut. Das Heck mit Sylt-Aufklebern bepflastert. Harmlos.
"Mit dem Kuhkaff liegst du richtig", sagte Rabe. "Aber ein Kumpel von mir hat etwas für mich aufbewahrt."
Sie warf ihm einen Blick zu. "Wenn du vorhast, rückfällig zu werden, wird das nichts mit uns."
"Ich hab's kapiert", sagte er. Es freute ihn, dass sie sich um ihn sorgte.
Er legte seine Linke auf ihren Schenkel. Festes Fleisch unter dem Jeansstoff, ein gutes Gefühl. Sie wehrte sich nicht. Eine Zukunft mit ihr konnte sich Rabe noch nicht ausmalen, aber er fand, dass sie auf dem besten Weg waren.
Wieder äugte Rita in den Rückspiegel. Als fürchte sie, dass jemand mitbekam, was seine Hand anstellte. Rabe küsste ihren Hals und blickte dabei nach hinten. Die Luft war rein.
"Du hast mir nie etwas über diesen Kumpel geschrieben", sagte das Mädel und hielt sich am Lenkrad fest.
"Die Bullen. Postüberwachung, verstehst du? Bin gespannt, wie Kalle reagiert, wenn wir aufkreuzen. Nichts ist sicher und auf niemanden ist Verlass."
Er befühlte ihre Brust. Sie sagte: "Willst du, dass ich einen Unfall baue?"
Rabe lachte und deutete auf ein Parkplatzschild. "Fahr hier raus."
Das Mädel setzte den Blinker und gehorchte. Sie rollten an weißen Bänken vorbei. Betontische, die niemand nutzte. Hinter einem Lastwagen mit holländischem Kennzeichen stoppten sie.
Als Rabe mit klopfendem Herzen Ritas BH aufhakte, rollte ein roter Passat vorbei. Typen, die herüberglotzten. Blöde Spanner. Dann war der Passat verschwunden.

Der blinkende Punkt auf dem Monitor bewegte sich nicht vom Fleck. Ein feines Gerät, das die Dortmunder Kripo da besaß, freute sich Kaufmann. Sie hatten es nicht nötig, dem Zielobjekt auf Sichtweite zu folgen. Sie konnten sogar vorausfahren.
"Und jetzt?", ließ sich der Praktikant vernehmen, der mit glänzender Gelfrisur hinter dem Steuer saß.
"Warten an der nächsten Ausfahrt." Hauptkommissar Kaufmann musste aufstoßen. Nie wieder Wurstsalat, beschloss er. Zumindest nicht mit Zwiebeln.
Soest/Möhnesee, meldeten die Schilder. Kaufmann dirigierte den Jungen. Sie stießen auf eine Bundesstraße, wendeten nicht ganz vorschriftsgemäß und hielten am Rand der Auffahrt. Sogar für das Einschalten der Warnblinkanlage brauchte der Praktikant eine Anweisung.
Seinen Namen hatte Kaufmann vergessen. Aus dem Burschen würde nie ein richtiger Kriminalist werden - nicht mit dieser affigen Frisur.
"Was machen die so lange?", fragte der Praktikant.
Kaufmann wandte sich nach hinten, wo Kommissar Olschewski mit den Akten raschelte. "Ein scharfes Luder, Rabes neue Freundin. Hast du die Figur gesehen, Olli?"
Der Kollege brummte nur. Seit Tagen stellte er schlechte Laune zur Schau. Dabei traten die Ermittlungen in eine wichtige Phase. Rabe musste beim Einbruch in das Juweliergeschäft in der Dortmunder Fußgängerzone Komplizen gehabt haben. Tippgeber, Handlanger, Schmieresteher. Die Diamanten waren nie aufgetaucht - todsicher war Rabe jetzt unterwegs, um seinen Anteil einzufordern. Nur Olli hielt nicht viel von dieser These.
Der Praktikant räusperte sich.
"Is' was?", fragte Kaufmann.
"Offenbar hat Rabe es doch nicht so eilig"
Klugscheißer, dachte der Hauptkommissar. Er sagte: "Sobald er abgespritzt hat, stellt Rabe die Peilung wieder voll auf die Klunkern ein. Was meinst du, Olli?"
Wieder nur ein Brummen, begleitet vom Rascheln der Unterlagen.
Kaufmann raunte dem Praktikanten zu: "Kollege Olschewski ist neidisch auf Rabe, weil seine Alte ihn nicht mehr ranlässt."
"Halt's Maul", knurrte der Kollege auf dem Rücksitz.
Kaufmann wusste, dass Olli eine Geliebte hatte. Dass es deshalb Streit mit seiner Gattin gab. Aber er verstand nicht, warum der Kollege deshalb die Krise schob. Er selbst war seit fünfzehn Jahren Single ohne nennenswerte Erfolge beim anderen Geschlecht.
"Es blinkt nicht mehr!", rief der Praktikant.
Zu dritt starrten sie auf den Monitor. Kaufmann drückte Tasten, ohne zu wissen, was sie bedeuteten. Der Bildschirm erlosch, dann war die Karte wieder da. Das Signal blieb verschwunden. Kaufmann gab den aufsteigenden Gasen nach und rülpste.
"Wie kann das passieren?", erkundigte er sich bei Olli, der den Peilsender angebracht hatte.
"Batterie leer, was weiß ich."
Vierspurig rauschte der Verkehr vorbei. Kaufmann überlegte, wie lange die Turteltäubchen brauchen würden.
"Ein Opel, oder?", fragte er.
"Corsa", antwortete Olschewski und blätterte in irgendwelchen Unterlagen.
Der Praktikant ergänzte: "Weiß, älteres Baujahr, Kennzeichen aus Unna."
Kaufmann beschloss, dem Jungspund klarzumachen, wer hier das Sagen hatte. "Worauf wartest du? Lass schon mal den Motor an!"
Dann kniff er die Augen zusammen, um die Autobahn ins Visier zu nehmen. Seine Speiseröhre brannte. Der Staatsanwalt würde ihn zur Sau machen, wenn Rabe entwischte.

Ausfahrt Geseke. "Hier ab", sagte Rabe in seinem Befehlston, den Rita hasste wie die Pest.
Mit weißen Knöcheln umklammerte sie das Lenkrad und fragte sich, ob der Kerl ihr die Nervosität anmerkte. Auf dem Parkplatz hatte ihn seine Geilheit abgelenkt. Jetzt war es hoffentlich der Gedanke an die Diamanten. Sie beschloss, nicht darüber nachzugrübeln, was sie da tat. Das war nicht sie. Das war eine andere Rita.
Die Landstraße schlängelte sich südwärts, die Gegend wurde hügeliger. Abgeerntete Felder und umgegrabene Rübenäcker. Kaum ein Auto kam entgegen.
Ein Dorf zog vorbei. Prövenholz. Rabe zeigte auf ein Haus mit verwahrlostem Vorgarten. "Hier hab ich auch mal gewohnt."
Sie bogen ein paar Mal ab. Rita hatte keine Ahnung, wo sie waren. Sie war ausgelaufen und die feuchte Stelle im Slip fühlte sich kalt an.
Plötzlich musste sie an ihre Jugend denken. An den Brief, den sie einmal geschrieben hatte, um einen pickligen Verehrer abzuweisen. Ihre Freundin hatte den Boten gespielt. Je ne t'aime pas - der Kerl ließ sich nie wieder blicken. So einfach war das damals gewesen.
Sie durchkreuzten ein Waldstück. Im nächsten Tal ein Feldweg. Rabe wies Rita an abzubiegen. Der Corsa rumpelte auf eine Art Baracke zu. Das Bodenblech streifte Unkraut und lose Steine, bis ein Tor die Weiterfahrt verwehrte.
"Warte hier", raunzte Rabe. "Kalles Köter hat was gegen Fremde."
Er stieg aus. Sofort kurbelte Rita das Seitenfenster hinunter, um den Geruch des Kerls loszuwerden.
Zweihunderttausend war die Beute angeblich wert - Rita hätte sich nie darauf eingelassen, wenn ihr klar gewesen wäre, was sie dafür tun musste.
Rabe rief nach seinem Kumpel. Niemand antwortete. Kein Hund ließ sich blicken. Neben dem niedrigen Gebäude gammelten ein Bauwagen und einige Autowracks vor sich hin.
Die Gelegenheit, die Sache ohne Risiko abzubrechen, überlegte Rita. Sich einfach aus dem Staub zu machen.
Sie beobachtete, wie Rabe am Tor rüttelte, Steine gegen die Baracke schleuderte und den Bauwagen anbrüllte.
Ihr fiel auf, dass hohes Gras die Zufahrt überwucherte. Hier gab es keinen Kalle, schoss es ihr durch den Kopf. Seit Jahren nicht mehr.
Rita stieg aus und gesellte sich zu Rabe. Sie brachte es über sich, zu lächeln und seinen Arm zu berühren. Nachdem sie so viel investiert hatte, kam ein Rückzug nicht mehr infrage.
"Ich weiß nicht, was du vorhast", log sie. "Aber vergiss deine Kumpels von früher. Sie bringen dich nur auf die schiefe Bahn. Der Bewährungshelfer verschafft dir einen Job. Lass uns nach Dortmund fahren."
"Gib mir dein Handy!", blaffte Rabe.
Rita zögerte, dann sagte sie: "Das halte ich für keine gute Idee."
"Wieso?"
"Kalle war damals dabei, stimmt's?"
"Nein. Ich hab's allein getan."
"Aber er hat die Beute für dich versteckt?"
Rabe blickte sich um. Leise sagte er: "Wie kommst du darauf?"
"Ich kann mir vorstellen, dass sich die Bullen dafür interessieren. Und wenn sie die Post überwacht haben, dann wissen sie über uns Bescheid." Rita zog ihr Mobiltelefon aus der Jackentasche und hielt es ihm hin. "Womöglich haben die Bullen das Handy angezapft. Ruf lieber den Bewährungshelfer an. Zieh einen Schlussstrich, wenn es dir ernst mit uns ist."
Er zeigte schief gewachsene Zähne. Seine schwielige Hand strich über ihre Wange. "Du bist wirklich ein Schatz."
Als sie ins Auto stiegen, war wieder sein Geruch in ihrer Nase.
"In den Ort", befahl Rabe. "Da kenn ich ein Café. Das Telefon dort hört garantiert keiner ab."
Der locker sitzende Keilriemen hörte nicht auf zu lärmen, als sie ein Altenheim passierten und ein Schloss mit gelb gestrichenen Mauern. Das Ortszentrum bestand aus einer Kreuzung.
Das Café gab es nicht mehr. Hellwegsonne stand an der Scheibe. Bräunen ab einem Euro.
"Warte hier", sagte Rabe.
"Vergiss die Beute. Das ist sie nicht wert."
Er küsste ihre Wange. "Mach keine Sprüche, Süße. Es mag Leute geben, für die das Peanuts sind. Aber ich gehöre nicht dazu und du auch nicht." Rabe sah auf die Uhr. "Der heutige Tag wird unser Leben verändern. Eine Million, verstehst du? Und glaub nicht, dass ich noch in Mark rechne, nur weil ich so lang hinter Gittern war."
Rita rang sich ein Lächeln ab. Sie ballte die Fäuste, als er durch die Glastür des Bräunungsstudios verschwunden war. Eine Million Euro.
Wie hatte er es ausgedrückt? Nichts sei sicher und auf niemanden sei Verlass. Da war was dran. Der schöne Scheißkerl, für den sie Rabe ausspionierte, hatte nur ein Fünftel der Summe genannt.
Rita startete den Corsa. Nichts wie weg aus diesem Intrigenspiel. Sie legte den Gang ein. Doch dann überlegte sie es sich anders und würgte den Motor ab.
Sie würde es durchziehen, jetzt erst recht. So einfach haut mich keiner übers Ohr, dachte Rita.

Der Himmel verdunkelte sich und Nieselregen setzte ein. Sie hatten erwartet, dass Rabe sich nach Dortmund fahren lassen würde. Stattdessen gurkten sie nun quer durch den Kreis Soest, unter der A44 hindurch und nordwärts an Waldstücken und Feldern vorbei.
Kleinschmitt war es Leid, die beiden Kripoleute durch die Pampa zu chauffieren. Am schlimmsten war der Dicke neben ihm - doof wie ein Gullydeckel und trotzdem den Chef markierend.
Auf einer schmalen Straße mit frischgepflanzten Alleebäumen gondelten sie dem weißen Corsa hinterher. Nein, die Kripo war nicht sein Ding, überlegte Kleinschmitt. Noch eine Woche, dann war sein Praktikum beim Dortmunder Kommissariat für Raub und Eigentumsdelikte überstanden.
Neben ihm steckte Hauptkommissar Kaufmann das Handy weg und tat kund, was er herausbekommen hatte: "Vermutlich ist Rabe auf dem Weg zu Karlheinz Assauer, genannt Karossen-Kalle. Hat mit seiner Werkstatt in Eringerfeld Pleite gemacht und lebt jetzt in Störmede. Dort läuft ein Betrieb auf dem Namen seiner Frau. Assauer und Rabe sind im gleichen Jahr geboren, vermutlich Schulfreunde. Wetten, dass dieser Kalle der Komplize ist, den wir suchen."
"Oder auch nicht", brummte die mürrische Stimme vom Rücksitz.
Kaufmann wandte sich an Kleinschmitt und verströmte Zwiebelgeruch. "Ollis Alte hat seit Wochen die Börse geschlossen, verstehst du? Wenn seine Aktien steigen, muss er sie unter der Hand verschleudern. Deshalb ist er so ungenießbar."
Ein Schild zeigte an, dass sie Störmede erreicht hatten. Häuser aus roten Ziegeln. Eine Kapelle, deren Turm mit grünem Blech gedeckt war und spitz wie eine Nadel aufragte. Und gerade als Kleinschmitt sich fragte, wo hier die Kneipen und Geschäfte waren, führte die Straße schon wieder aus dem Ort hinaus. Fast hätte er übersehen, dass ihr Zielobjekt auf das Gelände einer ehemaligen Tankstelle bog, von der nur die Werkstatt geblieben war. Kleinschmitt ging vom Gas und rollte langsam vorbei.
"Zügiger, sonst bemerken sie uns", blaffte ihn der dicke Kaufmann an. "Und in der nächsten Einfahrt stoppst du."
Der Praktikant folgte der Anweisung und steuerte bis dicht an einen Zaun. Zwischen Bäumen hindurch erspähte er Rabe und seine Freundin, die ausgestiegen waren.
Ein hagerer Kerl im Blaumann stiefelte dem Pärchen entgegen, wischte die Hände am Overall ab und reichte den Ellbogen zur Begrüßung. Ein Kind rannte herbei. Rabe nahm es auf den Arm. Dann verschwand die Gruppe in der Werkstatt.
Lange Zeit tat sich gar nichts.

Karlheinz Assauer schluckte. Der Kloß im Hals blieb. Keiner hatte ihm gesagt, dass heute Rabes Entlassungstag war. Er selbst hatte den Gedanken daran verdrängt.
"Was soll das heißen, übermorgen?", bellte sein Kumpel ihn an und griff nach der Bedienung der Hebebühne. Mit der Linken drückte er Julian wie einen Teddy gegen seine breite Brust. Dem Kleinen war anzusehen, dass es ihm nicht gefiel.
"Oder morgen", antwortete Kalle. "Im Lauf des Nachmittags."
Rabe drückte Knöpfe. Doch weil der Hauptschalter umgelegt war, tat sich nichts. Rabe wurde noch ungehaltener. "Ich will mein Auto wiederhaben! Jetzt, verstehst du?"
"Gib mir den Jungen", bat die hübsche Blonde, mit der Rabe aufgekreuzt war.
Kalles Schulfreund ignorierte sie. "Wo steht die Kiste eigentlich?"
Der Kleine strampelte. Rabe packte ihn fester. Mit der freien Hand fegte er die Werkbank frei. Schrauben und anderer Kleinkram flogen durch den Raum.
"Komm, lass ihn los. Gib mir den Kleinen", wiederholte seine Freundin.
Kalle wusste nicht, wie er reagieren sollte. Sein Kumpel war kein schlechter Kerl. Aber er konnte durchdrehen, wenn er in Wut geriet. Kalle streckte beschwichtigend die Hände aus. "Hör zu, Alter. Dein GTI muss erst auf Vordermann gebracht werden. Er war fünf Jahre eingemottet. Ich mach das gern für dich, aber gib mir einen Tag Zeit."
"Jetzt!", brüllte Rabe.
Julian begann zu weinen.
"Lass ihn los", forderte die Blonde, jetzt mit Nachdruck.
"Halt's Maul, blöde Fotze!"
Rabe legte Julian auf die Werkbank, lockerte blitzschnell die Schraubzwinge und schob den Kopf des Jungen zwischen die eisernen Backen.
"Ich zähle bis drei."
"Morgen", versuchte Kalle ihn zu beschwichtigen. "Sag mir, wo ich den GTI hinbringen soll!"
"Eins."
Rabe drehte die Kurbel ein kleines Stück. Der Junge wimmerte. Sein Kopf war jetzt eingeklemmt.
"Zwei."
Der Junge rief nach seiner Mutter. Kalle konnte nicht glauben, dass Rabe imstande war, dem Kleinen etwas zu tun. Es war unmöglich.
"Drei."
Rabe griff nach der Kurbel.
Die Blonde schrie, als sei der Teufel in sie gefahren. Julian kreischte. Kalle stockte der Atem.

Kleinschmitt glaubte, etwas gehört zu haben. Er kurbelte das Fenster herunter. Draußen war es still.
Der dicke Kaufmann fragte: "Habt ihr im Ort einen Imbiss gesehen? Unser Praktikant könnte was zum Futtern besorgen. Wer weiß, wie lang die Observation noch dauert."
Kleinschmitt beschloss, nicht zu reagieren. Von hinten meldete sich Olschewski: "Dieser Karossen-Kalle hat sich die Diamanten jedenfalls nicht unter den Nagel gerissen. Sonst würd's hier anders aussehen."
Der Regen machte Pause. Licht drang durch eine Lücke in den Wolken. Der Praktikant malte sich aus, wie ein Spezialeinsatzkommando das Gelände stürmen würde. In Sekunden wären Rabe und sein mutmaßlicher Komplize zu Päckchen geschnürt.
Ein schriller Klingelton riss ihn aus den Gedanken. Der Dicke fischte sein Handy aus der Ablage, lauschte und nickte dabei.
"Was gibt's?", fragte Olschewski.
"Rabes Freundin telefoniert", erklärte Kaufmann. "Die Kollegen in Dortmund zeichnen auf. Offenbar ..." Der Hauptkommissar unterbrach sich und drückte das Gerät fester an die fette Backe. "Ja?" Sein Mund klappte auf. Er wurde blass. "Ach du lieber ..."
"Was ist?", rief Olschewski, ganz aus dem Häuschen.
"Die Lady ..."
"Red endlich!"
"Sie hat den Notruf gewählt. Da drin hat's angeblich einen Toten gegeben."

Mittag war längst vorbei und die Kantine der Hauptwache Lippstadt hatte sich geleert. Nur Kleinschmitt hockte noch vor einem Becher Kaffee und studierte die Reste einer BILD-Zeitung, die ein Uniformierter liegengelassen hatte. Am liebsten hätte er sich wie Olschewski per Bahn vom Acker gemacht, nachdem klar geworden war, dass die Kripo der Kreispolizeibehörde Soest den Fall übernahm.
Doch aus irgendwelchen Prestigegründen nahm Hauptkommissar Kaufmann an der Vernehmung der Zeugen teil. Und als Fahrer des Dicken musste Kleinschmitt warten.
Er malte einen Schnurrbart auf das Foto von Angela Merkel und verlängerte das Haar von Gerhard Schröder. Als er im Taschenspiegel seine eigene Frisur überprüfte, schwang endlich die Kantinentür auf.
Der Hauptkommissar walzte herein und stieß einen Pfiff aus, als rufe er einen Hund. Kleinschmitt hätte ihn am liebsten ignoriert.
Sie stiefelten hinaus auf den Parkplatz. Endlich ging es nach Hause. Der Dicke fegte sich Krümel von der Wampe - offenbar hatte es bei der Vernehmung belegte Brötchen gegeben.
"Wie geht's Rabe?", fragte Kleinschmitt, als sie in den Passat kletterten.
"Ist im Krankenhaus seinen Verletzungen erlegen. Ein Kerl wie ein Baum, aber die Lady aus Unna hat mächtig draufgehauen. Was ein Wagenheber ausrichten kann ..."
"Wegen der Beute?"
"Nein, um den Jungen zu retten." Kaufmann klappte die Sonnenblende nach unten, begutachtete seine Zähne im Schminkspiegel und stocherte mit dem Fingernagel nach Essensresten. "Rabe hat gedroht, Assauers Jungen umzubringen."
Der Praktikant fuhr los, ohne sich in Lippstadt auszukennen. Auf einem Schild stand Geseke und er meinte, die Richtung könne nicht falsch sein.
Kaufmann sagte: "Wenn du mich fragst, hat Kalle die Klunkern veruntreut. Die Soester Kollegen werden sich den Betrieb in Störmede gründlich vorknöpfen. Vielleicht können sie ihm etwas nachweisen. Für uns ist die Geschichte jedenfalls gegessen."
Hinter Lippstadt lösten sich die Wolken auf. Die Sonne stand bereits tief. Sie rauschten durch Rixbeck. Der Dicke lehnte sich zurück und schien zu dösen.
Plötzlich schreckte er hoch und knurrte Kleinschmitt an: "Wo fährst du hin, du Penner? Über Erwitte geht's auf die Autobahn! Und setz den Blinker, wenn du mitten auf der Straße wendest."
Dass der Dicke recht hatte, wurmte Kleinschmitt am meisten. Minutenlang herrschte Funkstille. Als sie die A44 erreichten, wagte der Praktikant, das Thema wieder aufzugreifen. "Also hat die Frau aus Nothilfe gehandelt? Kein Totschlag oder Mord?"
"Sieht so aus. Wir haben sie erst einmal auf freien Fuß gesetzt. In ihrer Haut möcht ich trotzdem nicht stecken."
"Wieso?"
"Tu nicht so, als hätte dich das Blutbad kalt gelassen."
Sie passierten das Kreuz, in dem es nach Werl ging. Zum Knast für besonders schwere Jungs, wo Rabes Reise am Morgen begonnen hatte. Kleinschmitt fragte: "Was sind die Diamanten eigentlich wert?"
"Eine Million. Hat zumindest der Juwelier behauptet. Danach hat er übrigens den Laden verkauft und sich an der Agave zur Ruhe gesetzt."
"Algarve", verbesserte Kleinschmitt und genoss den kleinen Triumph.

Rita hatte plötzlich das Gefühl, von einem Punkt außerhalb ihres Körpers zuzusehen, wie sie ihren quietschenden Corsa durch die Gegend lenkte. Empfindungslos gehorchte sie Kalles Anweisungen. Sie hatte den Mechaniker gebeten, sie zu Rabes Auto zu führen. Irgendeinen Sinn musste der Schrecken der letzten Stunden doch haben.
Ein großes Kruzifix an einem Baum. Hinter der nächsten Kurve das Wartehäuschen einer Bushaltestelle, ausgeblichene Plakate auf grauem Beton. Kalle ließ sie abbiegen. Ermsighausen stand auf dem Wegweiser.
Es dämmerte. Nebel auf den Feldern. Rita schaltete das Licht ein. Die Polizei hatte sie nicht behandelt wie eine Frau, die man ins Gefängnis stecken wollte. Rabe weinte offenbar keiner eine Träne nach, aber sie musste mit weiteren Vernehmungen rechnen.
Ein paar hundert Meter vor dem Dorf verließen sie die Asphaltpiste. Durch Schlaglöcher schaukelten sie auf ein Waldstück zu, das wie eine schwarze Wand aufragte. Die Scheune zur Rechten hätte Rita übersehen, wenn Kalle sie nicht darauf hingewiesen hätte.
Sie stiegen aus. "Dreh dich um", bat der schlaksige Kerl.
Rita tat ihm den Gefallen. Heimlich verbog sie den Außenspiegel und beobachtete, wie Rabes Freund an der Holzwand tastete und von irgendwo einen Schlüssel zutage förderte.
"Du kannst kommen!", rief Kalle, stocherte im Vorhängeschloss und schob das Scheunentor zur Seite.
Rita folgte. Der Typ im Blaumann drückte einen Lichtschalter. Vor ihr glänzten drei nagelneue BMW.
Sie sagte: "Ich möchte lieber nicht wissen, welche Geschäfte du betreibst."
Rabes Schulfreund schlurfte zum vierten Fahrzeug, das unter einer Plane verborgen war, löste die Verschnürung und raffte das steife Tuch zur Seite. Ein metallicblauer, mit Rostflecken übersäter Golf-GTI kam zum Vorschein.
Rita konnte es noch immer nicht begreifen. "Warum hast du ihm nicht verraten, wo sein Auto steht?"
"Siehst du das nicht?"
Sie trat näher. Die Radkappen des Golf fehlten. Die Sitze ebenfalls. Die Türen waren abmontiert und lehnten am Karosserieskelett. Keine Verkleidungen im Innenraum, keine Bodenmatten. Nacktes Blech. Leer.
"Rabe hätte sofort gedacht, dass ich sein Vertrauen missbraucht hätte", erklärte Kalle. "Du kanntest ihn nicht. Er konnte eigen sein in solchen Dingen."
Rita dachte daran, dass sie Rabe näher kennen gelernt hatte, als ihr lieb war. Sie widersprach: "Aber es ging um deinen Jungen!"
"Dem hätte er nichts getan. Das war nur Bluff. Rabe ist ... er war Julians leiblicher Vater. Gerlind, meine Frau, war früher mit ihm zusammen. Sicher dachte er, sie hätte mir nichts davon erzählt."
Rita kämpfte gegen aufsteigende Übelkeit an. Was hatte sie getan? Jemanden erschlagen, der nicht ernsthaft gedroht hatte. Einem Jungen den leiblichen Vater geraubt. Das war nicht sie gewesen, redete sie sich ein. Die Rita, die sie kannte, konnte keiner Fliege etwas antun.
Ihr war, als bestürmten sie alle Eindrücke des Tages zugleich. Rabe, der auf dem Parkplatz an ihrer Wange keuchte. Das Wimmern des Jungen in der Werkstatt. Rabe in all seinem Blut.
Nicht durchdrehen. Nicht so kurz vor dem Ziel. Der Kerl war ein Monster gewesen, schärfte Rita sich ein. Er hatte nicht geblufft. Sie hatte den kleinen Julian gerettet - ein Junge, wie sie sich selbst einen wünschte.
Rita fiel der Mann ein, der jetzt auf ihren Anruf wartete. Nie hätte sie geglaubt, dass er sie belügen würde, als er sie auf Rabe ansetzte. Im Gegenteil. Sie hatte gehofft, dass er ihr Partner fürs Leben sein könnte.
Doch die Wahrscheinlichkeit, dass er sie nur benutzen wollte, um sich die Juwelen unter den Nagel zu reißen, war seit heute klar zu beziffern: eine Million zu Zweihunderttausend.
Wetten, dass er in Wirklichkeit nicht daran dachte, sich scheiden zu lassen? Mit einem hatte Rabe Recht gehabt: Nichts ist sicher und auf niemanden ist Verlass.
Kalle begann, die Plane über das zerlegte Auto zu ziehen.
"Warte!", rief Rita.
Sie umrundete den Golf, ging in die Hocke und inspizierte die Radkästen.
"Da ist nichts", beteuerte Kalle. "Glaub mir, mit Autos kenne ich mich aus."
Rita beschloss aufzugeben. Vorerst.

Nachdem sie den Mechaniker bei seiner Familie in Störmede abgesetzt hatte, machte sie sich erneut auf den Weg zur Scheune am Waldrand. Zwölf Stunden waren vergangen, seit sie Rabe  in Werl an Bord genommen hatte. Ihre Rechnung war noch nicht beglichen.
Im Licht der Scheinwerfer erkannte sie das Kruzifix, dahinter das Wartehäuschen. Der gelbe Wegweiser blitzte auf und bald darauf fand Rita den Feldweg.
Der Corsa krachte durch die Schlaglöcher. Der Keilriemen kreischte nicht mehr. Kalle hatte ihn mit wenigen Handgriffen repariert. Der Kerl war einfältig, aber nett.
An der Holzwand tastete Rita nach dem Schlüssel. Sie fuhr die Ritzen entlang und riss sich Splitter unter die Haut. Schließlich fanden ihre Finger ein Astloch und sie hatte das Ding.
Mühelos öffnete Rita das Vorhängeschloss. Das Tor rollte zur Seite. Beim Gedanken an die Steine pochte Ritas Herz bis in den Hals.
Eine Million! Wieder verfluchte sie den Schweinehund, der sie überredet hatte, auf die Kontaktanzeige des Juwelendiebs zu antworten.
Aber jetzt war sie am Drücker.
Rabes Rostlaube. Runter mit der Plane. Rita untersuchte das Handschuhfach. Sie stocherte in den Lüftungsschlitzen und lugte unter den Reservereifen im Kofferraum. Schließlich fand sie den Hebel, mit dem sich die Motorhaube öffnen ließ.
Beim Tasten zwischen Batterie und Motorblock verschmierte sie sich die zerschundenen Finger. Sie vermisste eine Taschenlampe. Das Deckenlicht war zu schummrig, um etwas zu erkennen. Dennoch machte sie weiter, bis sie einsah, dass da nichts war
Kalle hatte recht: Er hätte die Steine bestimmt gefunden, wenn Rabe sie im Auto versteckt hätte.
Ein Scharren am Tor ließ sie herumfahren. Eine Gestalt tauchte in der Öffnung auf.
Rita duckte sich hinter den Golf und sah sich nach einer Waffe um. Nur ein Regal mit Kleinkram. Kein Wagenheber in Reichweite wie heute Vormittag in Kalles Werkstatt.
Schritte, die näher kamen.
"Rita?"
Die Stimme kannte sie nur zu gut. Seine Stimme.
Olschewski stand vor ihr. Offenbar hatte der Kerl sein Auto geholt und war ihr seit Lippstadt auf den Fersen.
Er fragte: "Warum hast du mich nicht angerufen?"
Sie streckte die Faust in seine Richtung, als könne sie ihn auf Distanz halten. "Du Scheißkerl hast mich betrogen!"
"Ach?", erwiderte Olli. "Und auf dem Parkplatz hinter dem Werler Kreuz habt ihr Mau-Mau gespielt, du und Rabe?"
Schweigend starrten sie sich an.
Rita senkte den Blick als erste. Sie ärgerte sich über das Zittern in der Stimme. "Rabe ist Pinkeln gegangen und ich hab währenddessen den Peilsender ausgemacht, wie du's mir gezeigt hast."
Der Bulle aus Dortmund wandte sich ab und durchstöberte das Regal.
Rita rief: "Mach mir bloß keinen Vorwurf!"
Olli kam mit einer Plastikwanne zurück, die er unter den Wagen stellte. Wortlos hackte er mit einem Schraubenzieher in den Eingeweiden der rostigen Karre. Es tat ihr weh, dass der Bulle so gefasst reagierte und sie zu ignorieren schien.
"Und jetzt?", wollte sie wissen.
Es tropfte. Rita roch Benzin. Olli stocherte weiter. Nimm mich lieber in den Arm, dachte sie.
Der Treibstoff ergoss sich in die Wanne. Rita vernahm ein leises Prasseln. Kleine Steine, die aus dem Tank rieselten.
Olli fischte die Diamanten aus der Benzinbrühe und bettete sie auf eine alte Zeitung.
Rita fauchte: "Ein paar Hunderttausend, hast du mir weismachen wollen."
"Was soll daran nicht stimmen?"
"Die sind mindestens eine Million wert."
"Hat Rabe das behauptet? Der kannte die Summe nur aus der Zeitung. Der Juwelier hat übertrieben, um mehr von der Versicherung zu bekommen."
"Ich glaub dir kein Wort."
Olli teilte den Haufen in gleich große Hälften. "Du kannst die Steine abzählen, wenn du willst. Im Unterschied zu dir habe ich nicht vor, dich zu hintergehen."
Er wickelte die Diamanten in Zeitungsseiten und trat auf sie zu. Rita wich zurück.
"Ich lasse mich scheiden", sagte Olli.
"Das behauptest du, seit wir uns kennen."
"Jetzt hab ich ernst gemacht. Heute früh bin ich ausgezogen. Und den Antrag auf Versetzung nach Unna hab ich auch abgegeben. Ich dachte ..."
"Was dachtest du?"
"Dass es mit uns beiden ..."
"Rühr mich nicht an", sagte sie, obwohl er keine Anstalten dazu machte.
Leise entgegnete er: "Sag, dass alles nur ein Missverständnis war. Dass du mich noch liebst."
Sie schüttelte den Kopf, drückte sich an ihm vorbei ins Freie und rannte zu ihrem Auto. Mit dem Ärmel wischte sie sich die Tränen aus dem Gesicht.
Der Mond war aufgegangen und ließ den Nebel leuchten, der ringsum auf den Feldern lag. Es sah künstlich aus, fand Rita. Wie eine Filmkulisse.
Ihr fiel ein, dass die Juwelen dem Jungen zustünden, der seinen leiblichen Vater verloren hatte. Dann dachte sie, dass es gut sei, dass Rabe tot war. Nach einer Weile wurde ihr klar, dass nichts davon stimmte.
Am liebsten hätte sie den Tag aus ihrem Leben gestrichen. Er hatte sie verändert und sie wusste nicht, ob ihr die neue Rita gefiel.
Sie startete den Motor und knipste die Scheinwerfer an. Olschewski stand vor dem Auto und blinzelte im grellen Licht.
Rita kurbelte die Scheibe herunter. "Behalt die Steine! Mach, dass du nach Hause kommst!"
"Geht nicht. Ich hab kein Zuhause mehr." Er trottete näher. Die Tüten aus Zeitungspapier stanken nach Benzin. Seine wasserblauen Augen fixierten sie.
"Was willst du?", fragte Rita.
"Sag du's mir."
"Hast du Lust auf Mangokuchen?"
Als sie in Richtung Unna bretterte, zappte sie durch die Kanäle des Autoradios, um die Reste der schrecklichen Bilder aus ihrem Kopf zu verscheuchen. Sie fand einen Sender, der ruhigen Jazz spielte. Olli folgte in seinem Wagen. Rita wusste, dass auch er diese Musik mochte.
Sie nahm sich vor, ihn auf dem Sofa pennen zu lassen. Morgen würde sie ihm sagen, wie sie sich entschieden hatte.
Dann würde sie wissen, wer die neue Rita war.

ENDE

Alle Rechte beim Autor. Keine Veröffentlichung - auch nicht auszugsweise - ohne Einverständnis des Autors

Die Geschichte erschien zuerst in "Mehr Morde am Hellweg" (Grafit) und war 2005 nominiert für den Friedrich-Glauser-Preis (beste deutschsprachige Krimi-Kurzgeschichte).

 

"Horst Eckert vermag es, auf 19 Seiten etwas zu erschaffen, wofür andere einen Roman schreiben müssten: Er vereint Spannung mit komplexen Figuren und einem überraschenden Schluss; ist dabei mutig genug, um sich liebevollen Details zu widmen. Das Roadmovie überzeugt mit Dialogstärke, Tempo, und gelungenen Blitz-Einblicken in die Zerrissenheit menschlicher Seelen (...). Melancholisch, intensiv, aber ohne Schickschnack: Eckert erzählt eine Geschichte, wie man sich Erzählungen wünscht; er erklärt Gefühle nicht, er zeichnet scharf umrandete Scherenschnitte von Emotion und Kalkül." 
(aus der Jurybegründung zur Nominierung für den Friedrich-Glauser-Preis 2005)

"Horst Eckert beherrscht auch die Kleinkunst des Krimischreibens nun erscheinen zum ersten Mal seine zum Teil ausgezeichneten Kurzgeschichten gesammelt in einem Band. Ob überraschend, witzig, melancholisch oder voller Thrill - Eckert zeigt die ganze Bandbreite seines Könnens." (Grafit über "Niederrhein-Blues und andere Geschichten")


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