Plot versus Character

Krimi in Kino und TV - Zur Situation in Deutschland

Fast jedes Jahr erlebe ich Begegnungen mit verschiedenen Produktionsfirmen, die einen meiner bislang sieben Romane verfilmen möchten, aus den Motiven der Romane eine Reihe oder Serie produzieren wollen oder einen neuen Stoff bei mir in Auftrag geben wollen. Zu meinem ersten Roman habe ich eine Drehbuchversion verfasst. Diese und weitere Stoffe wurden mehrfach optioniert, darüber hinaus gab es Aufträge für Treatments oder Exposés.

Dies geschah ausschließlich für das Fernsehen und keins der Projekte wurde je von einer Fernsehanstalt gekauft und als Produktion in Auftrag gegeben.

Für das Kino kommen nach meiner Erfahrung Krimistoffe in den Augen der Produzenten von vornherein nicht in Betracht. Die Argumente lauten:

- In Deutschland gehe man nicht wegen eines Krimis ins Kino, da im Fernsehen bereits so viele davon zu sehen sind.

- Krimistoffe seien nicht "groß" genug für das Kino, da sie rein "plot driven" seien und es ihnen "nur" auf die Klärung eines Verbrechens ankäme.

Dagegen behaupte ich:

- Gute Krimis werden in Deutschland auch vom Kinopublikum akzeptiert. Allerdings kamen in den letzten Jahren die Beispiele aus den USA ("Mystic River" von Clint Eastwood, "Das Versprechen" von Sean Penn u.v.a.)

- Jeder gute Krimi ist zugleich "character driven", d.h. es geht um mehr als um den bloßen Whodunit. Anhand der Verbrechensaufklärung können große Dramen erzählt werden, die Aufschlüsse über die Gesellschaft geben etc.

In den letzten Jahren hat sich allein der Regisseur Dominik Graf mehrfach in den Feuilletons zu Wort gemeldet, um gegen das Tabu (Krimi tauge nicht fürs Kino) zu argumentieren. Er selbst ist ein gutes Beispiel. Sein Polizeifilm "Die Sieger" (Ende der Achtziger) floppte zwar an den Kinokassen, gilt aber heute als Klassiker und Grafs Ruhm gründet vor allem auf diesem Werk. Durch mehrfache Ausstrahlung im TV hat der Film seine Produktionskosten sicher längst eingespielt.

Zweites Beispiel: Vor einigen Jahren lief im Kino der Film "Solo für Klarinette" (mit Götz George und Corinna Harfouch) und auch er gilt als Flopp. Doch gerade seiner Machart war anzusehen, dass ein Fernsehsender Co-Produzent war (Pro Sieben) und der Film vor allem auch auf Fernsehtauglichkeit hin getrimmt gewesen war. Die daraus resultierende dramaturgische Beschränktheit trug vermutlich zum Misserfolg bei. Als Beweis für die Richtigkeit des Tabus kann er also meiner Meinung nach ebenfalls nicht dienen.

Thema Fernsehen: Aufgrund der Kosten und des Bestrebens aller Sender (auch der Öffentlich-Rechtlichen) nach möglichst hoher Quote laufen so genannte TV-Movies vor allem zur Prime-Time (20.15 Uhr), um möglichst viele Leute anzusprechen. Damit werden stets zwei Anforderungen verknüpft: Der Krimi muss massenkompatibel sein und familienfreundlich (keine Altersbegrenzung). Bestimmte Stoffe (Tragödien, düstere, komplexe oder gewalttätige Geschichten, Anspuchsvolles, Gesellschaftskritisches oder "Noir"-Filme) scheiden also von vornherein aus.

Auch hier ein Beispiel: Als 2003 Fred Breinersdorfer für das Drehbuch zu "Die Hoffnung stirbt zuletzt" den Adolf-Grimme-Preis erhielt, erklärte er im Interview, dass der Film, der drei Jahre zuvor vom NDR in Auftrag gegeben worden war, inzwischen nicht mehr denkbar sei. Am Ende begeht die Protagonistin, eine junge Polizistin, die unter Mobbing leidet, Selbstmord (auf mehreren authentischen Fällen beruhende Geschichte). Das werde heutzutage von den entscheidenden TV-Redakteuren als "zu negativ" angesehen.

Der übliche TV-Krimi zeigt den ermittelnden Kommissar (oder ein Buddy-Gespann von Kommissaren) als durchweg positiven Charakter, der durch die Lösung des Falls die vorübergehend erschütterte Welt wieder in Ordnung bringt. Dieser "positive" Krimiplot wird oft ausführlich begleitet von allerlei komödiantisch geschilderten Begebenheiten aus dem Umfeld der Hauptfigur, um den "heiteren" Anspruch des Films zu unterstreichen.

Generell gilt für die TV-Entscheider: Lieber fünf Millionen Zuschauer als vier Millionen, die begeistert sind. Nur die Quote wird gemessen, nicht die Zufriedenheit der Zuschauer. Für Minderheiten ("Noir"-Liebhaber, "Hardboiled"-Fans, an Kriminalliteratur geschulte Zuschauer) werden in Deutschland keine TV-Filme oder Serien produziert. Experimente werden selten gewagt, lieber altbekannte Klischees endlos weiter gepflegt.

Auch hier kommen Ausnahmen fast ausschließlich aus den USA und laufen im deutschen Fernsehen meist nur zu später Stunde (z.B. "NYPD Blue/New York Cops" oder "The Shield"). Nur selten wagen öffentlich-rechtliche Sender einen anderen Stil (z.B. "Die Polizistin", ZDF).

Resümee:

Ein großer Teil der Kriminalliteratur findet von vornherein nicht ins Fernsehen, da sich die zuständigen Redakteure nicht die gewünschte Einschaltquote davon versprechen. Dabei handelt es sich in meinen Augen gerade um die anspruchsvollere, nicht die Illusion einer im Prinzip heilen Welt bedienende Literatur.

Für das Kino wären solche Stoffe jedoch geeignet und kommerziell Erfolg versprechend (bei niedrigen die Produktionskosten). Gerade die Tiefe der dramatischen Konflikte und die gesellschaftliche Relevanz prädestiniert in meinen Augen gute Krimis für das Kino. Aber das Knacken des oben geschilderten Kino-Tabus wird unmöglich sein, so lange man für Fernsehanstalten als Koproduzenten benötigt, um den Etat zu gewährleisten.

Manche der guten Geschichten gibt es daher nur in Romanform.

copyright: Horst Eckert, Referat für die zweite deutsch-französisch-polnische Krimitagung auf Schloss Genshagen (Berlin-Brandenburgisches Institut für deutsch-französische Zusammenarbeit in Europa) am 4.12.2004

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