Realismus ist unser Metier - wie politisch ist Kriminalliteratur?

(zuerst in "Tempest", September 2010)

In Platos Höhlengleichnis starren die Menschen auf die Wand und halten die Schatten, die das Sonnenlicht wirft, für lebendig, weil sie es nicht besser wissen. Dass Figuren und Handlung eines Kriminalromans nicht real sind, steht manchmal schon auf den ersten Seiten („Ähnlichkeiten ... sind rein zufällig“). Trotzdem verstehen die Leser das Geschriebene gern als Anspielung auf wirkliche Ereignisse, als Kommentar zur Republik und ihren konkreten Bewohnern. Und auch Kritiker postulieren gern, dass ein Krimi „realitätstüchtig“ sein solle. Löst er dies ein, so gilt er sogar als moderne Form des Gesellschaftsromans. Der Schatten als lebende Wirklichkeit?
Oder sind Krimis nur eskapistische Fantasien? Lesen wir Krimis, um in erster Linie dem Alltag zu entfliehen? Auch dies wird dem Genre gern nachgesagt: Dass es die Illusion einer Welt produziere, in der die Vernunft herrsche und am Ende stets die Ordnung wiederkehre. Um im Bild zu bleiben: Wir denken uns die dunklen Schatten einfach weg. Natürlich gibt es solche Bücher: Heimat-Literatur im schlechten Sinn, Heile-Welt-Märchen. Qualität ist etwas anderes.
Eine Maxime der Kriminalliteratur lautet: Die Handlung ist zwar frei erfunden, könnte sich aber so zutragen. Fantasy und Science Fiction dürfen verrückten Visionen gehorchen, Horror darf Tote aufwecken. Der Krimi bleibt dagegen auf dem Boden der Tatsachen. Seine Figuren sollen glaubhaft sein und der Plot nicht nur in sich nachvollziehbar, sondern auch dem Vergleich mit der Wirklichkeit standhaltend. Dass die Leser dies erwarten, liegt in der Definition des Genres begründet.
Was ist ein Krimi? Gibt es formale Kriterien? Es muss keinen Ermittler geben. Der Mord muss nicht am Anfang stehen. Die Handlung kann aus der Sicht eines Kommissars erzählt werden, aus der Sicht des Täters, eines Zeugen oder auch des Opfers. Ich-Perspektive, Präsens – alles war schon da, alles ist möglich.
Deshalb schrieb Raymond Chandler bereits 1949 über den Kriminalroman: „Er stellt eine Form dar, die noch nie wirklich übertroffen worden ist (...). Sie ist immer noch fließend in Bewegung, ist immer noch zu mannigfaltig, um sich einfach klassifizieren und abstempeln zu lassen, und immer noch wartet sie nach allen Richtungen mit neuen Überraschungen auf.“

Der Kriminalroman: Fließend in Bewegung

Dass Kriminalliteratur immer wieder neu erfunden wird, ist der Grund für die anhaltende Beliebtheit des Genres – und ganz nebenbei hat Chandler mit seiner Beobachtung schon damals das akademische Klischee vom Krimi als Trivialliteratur, die im Schema erstarre, gründlich widerlegt. Nicht die Form macht also den Krimi aus, sondern der Inhalt: die banale, aber folgenschwere Eigenschaft, dass ein Verbrechen im Kern der Handlung steht.
Die Straftat stellt eine Interaktion zwischen zwei Menschen dar, die von Dritten sanktioniert werden muss. Ein Mord lässt uns nicht kalt, er ruft Empörung und Einmischung hervor. Selbst wenn das Verbrechen seinen Ursprung in der privaten Sphäre hat, wird es zum gesellschaftlichen Phänomen, mit allen Folgen. Und wer darüber schreibt, entwirft eine Gesellschaft, die – zumindest punktuell und vorübergehend – aus den Fugen geraten ist. Damit ist jeder ernst gemeinte Krimi zugleich Gesellschaftsliteratur.
Realismus bedeutet nicht, dass wir die Gesellschaft abbilden. Wir schreiben Fiktion, erfinden unsere eigene Wirklichkeit. Die Charakterisierung der Täter folgt nicht der Sozialstatistik Die Dramaturgie folgt nicht den Vorschriften der Strafprozessordnung. Wir erfinden Menschen und ihre Geschichten. Wir sind Lügner.
Aber als gute Lügner tun wir das glaubwürdig. Die Wahrhaftigkeit unserer Romane besteht darin, dass die Leser sich und ihre Wirklichkeit in der Fiktion erkennen. Dass sie sich vorstellen, es könnte wirklich so zugehen wie im Roman. Die Welt ist ja tatsächlich absurd und brutal. Und so interpretieren die Leser zwangsläufig den Krimi als Kommentar auf das Leben. Wir bedienen diese Erwartung gern, sonst hätten wir dieses Genre nicht gewählt. Realismus ist unser Metier.

Was uns allen innewohnt

Und so reichern wir unsere Geschichten meist mit einer mehr oder weniger großen Prise Zeitgeschichte und Lokalkolorit an. Sind sie also doch nur Heimatliteratur? Oder gar Schlüsselromane? In meinem Krimi „617 Grad Celsius“ muss ein Ministerpräsident um seine Wiederwahl bangen. In „Königsallee“ gibt ein Oberbürgermeister den Möchtegern-Fürsten. „Sprengkraft“ führt eine rechtspopulistische Partei und deren Vorsitzende vor. Jedes Mal glaubte die Presse, den einen oder die andere reale politische Figur wiederzuerkennen. Und jedes Mal griff dieser Reflex zu kurz.
Monika Maron hat einmal sehr schön ausgedrückt, worum es geht: „Im einzelnen Menschen verstehen, was uns allen innewohnt, und die Umstände erkennen, die es zutage fördern können.“
Dieses wunderbare Potenzial liegt in jeder guten Literatur, auch im Krimigenre. Doch hier kommt nicht nur die Spannung hinzu, sondern auch das notwendige Moment der Verunsicherung, der Hinterfragung. Denn Kriminalliteratur behandelt nun mal die Schattenseiten des Lebens. Die Momente, in denen etwas nicht stimmt. Mit uns und unserem Verhalten, mit unserer Gesellschaft. Mit den Umständen, die auch ein Verbrechen „zutage fördern können“. Und diese Umstände dauern an, auch wenn der Mörder gegen Ende des Romans verhaftet wird.
Das Potenzial zur Kritik – wann wird es politisch? Nicht, wenn wir die Leser zu einer Haltung auffordern. Wer den Zeigefinger hebt, gibt den ungebetenen Pädagogen und hört auf, zu unterhalten. Gesinnungskrimis sind stets langweilig und ärgerlich. Belassen wir es lieber – scheinbar naiv – bei spannenden Geschichten um Figuren, die wir dem Leben abschauen. Wenn sie gut sind, werden sie automatisch politisch sein. Indem sie den Leser an seine Wirklichkeit erinnern und seinen Blick schärfen. Bei meinen Lesungen aus „Sprengkraft“ hörte ich oft: „So einen Oberbürgermeister haben wir auch.“ Und wer das sagt, denkt sich zugleich: Das muss nicht sein, ein solcher Mann sollte abgewählt werden.
Wer jedoch nicht wahrhaben will, dass Macht zu ihrem Missbrauch einlädt und Mandatsträger auch nur Menschen sind, dem ist nicht zu helfen. Ein solcher Leser wird einen deutschen Krimi, der Politik und Korruption thematisiert, stets für skandalös halten. Aus der angelsächsischen Literatur kennen wir Thriller, in denen sogar ranghöchste Politiker als Mörder fungieren. David Baldaccis „Der Präsident“ kam auch in Deutschland gut an. Das Buch handelt im fernen Amerika und beschmutzt nicht das eigene Nest. Ein Roman über politische Verbrechen im deutschen Hier und Jetzt muss dagegen mit Abwehrreflexen rechnen.
Mir macht es Spaß, an diesem konservativen Tabu zu kratzen. Über „617 Grad Celsius“ schrieb eine Zeitung, ein solcher Roman trage zur Politikverdrossenheit bei. Als sei der Überbringer der schlechten Nachricht ihr Verursacher. Solche aufgeregten Journalisten benehmen sich tatsächlich wie die Schattenanbeter aus Platos Höhlengleichnis.
In meinem nächsten Roman wird es um einen Bundestagsabgeordneten und um den Chefmanager einer deutschen Großbank gehen. Um die Verflechtung von Finanzwirtschaft und Politik. Unter anderem. Alles wird erfunden sein. Und – wenn mir das Buch gelingt – zugleich wahr. Ich bin gespannt.

Wenn die Gesellschaft - zumindest punktuell und vorübergehend - aus den Fugen gerät ...


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