"Schwarzer Schwan"
Leseprobe
2.
Lilly gähnte, zugleich war sie aufgeregter als bei jedem Vorstellungsgespräch. Sie und Patrick trugen Businessklamotten und taten, als studierten sie die Anzeige auf dem Monitor.
Ganz oben wurde ein Flug nach Antalya angekündigt – Touris, uninteressant.
Dann folgten Geschäftsflieger-Destinationen: Berlin, Dresden, München.
Es war kurz nach sechs, für Lillys Empfinden noch mitten in der Nacht. Aber hier war bereits eine Menge los.
Frankfurt, Barcelona, Berlin.
»Siehst du den Dicken im grauen Anzug?«, fragte Patrick.
»Wo?«
»Na, dort drüben. Der perfekte Otto.«
So nannte Patrick eine mögliche Zielperson. Er wünschte sich einen pädophilen Otto. Einen heimlichen Kinderficker mit nackten Gören auf der Festplatte seines Laptops, den man leicht erpressen konnte. Aber auch einem Normalbürger sollte es eine Stange Geld wert sein, einen stibitzten Aktenkoffer samt Inhalt zurückzuerhalten. Glaubte Patrick.
Lilly staunte, wie gelassen ihr Freund war. Und er sah verdammt gut aus, als sei er einer Armani-Anzeige entstiegen. Dabei stammte sein Anzug von H&M.
Sie hatten lange überlegt, wie sie ihre finanzielle Lage aufbessern konnten. Seit sie ihr Studium beendet hatten, hangelten sie sich von Praktikum zu Praktikum. Manchmal gab es fünfhundert Euro im Monat, dann wieder gar nichts – außer der Hoffnung auf eine Festanstellung, die regelmäßig enttäuscht wurde.
Lillys Ersparnisse waren so gut wie aufgebraucht und ihre Eltern nicht in der Lage, sie zu unterstützen. Patrick war zu stolz, seine Alten um Geld anzuhauen. Beide schrieben Bewerbungen am laufenden Band. Erst gestern hatte man Lillys Mappe bewundert, aber etwas von Einstellungsstopp erzählt. Und dass sie auf der Liste angeblich ganz oben stünde – davon wurde sie nicht satt.
Sie hatte dafür plädiert, eine Waffe zu benutzen. Raubüberfälle in dunklen Ecken. Wenn schon kriminell, dann richtig. Aber Patrick hatte ihr das ausgeredet. Er hielt sich für den strategischen Kopf.
Gestern hatte Patrick die Lage am Hauptbahnhof sondiert, sich dann aber für den Flughafen entschieden. Weniger Bullen, größere Fische.
Lillys Horrorvorstellung: in der Abflughalle jemandem über den Weg zu laufen, der sie kannte.
»Action, Süße«, raunte ihr Freund – nur die Heiserkeit in seiner Stimme verriet Anspannung. Er schlenderte auf die Kaffeebar zu.
Jetzt erkannte Lilly, welchen Otto Patrick meinte.
Das geht nicht gut.
Lilly bezog Posten bei den Aufzügen und ließ den Blick schweifen, um sich zu vergewissern, dass sie sich im toten Winkel der Überwachungskameras befand.
Patrick hatte die Bar erreicht. Der Otto war ein großer Kerl mit halblangem Haar, Lilly sah ihn nur von hinten. Dunkler Anzug, der um den Rücken spannte, Catcherfigur, fast so breit wie lang. Er stellte sein Köfferchen ab, ein kleines Ding aus Alu. Zugleich zog er sein Portemonnaie aus der Hosentasche und sprach die Bedienung hinter dem Tresen an.
Patrick näherte sich dem Otto, reckte das Kinn und studierte die Angebotstafel, die über der Espressomaschine hing.
Das kann nicht gut gehen!
Lilly packte den Griff ihrer Tasche fester. Patrick wollte dieses abgewetzte Ding aus Kunstleder später auf der Flucht mit der Beute tauschen. Der Plan: Während Lilly den Otto-Koffer über das Treppenhaus zum Auto schaffte, würde er mit dem alten Plastikteil vor der Aufzugtür warten und den Harmlosen spielen, falls die Bullen ihn ansprachen. Sehen Sie, Wachtmeister, der Herr muss mich verwechselt haben, denn das ist nicht seine Tasche, sondern meine …
Sie zitterte vor Aufregung. Hier liefen die Typen umher, die am Wirtschaftsboom verdienten, von dem seit einem Jahr alle redeten, und der nach ihrem Eindruck auf der Ausbeutung einer Generation von Praktikanten beruhte. Das Land ging den Bach runter. Die Steuerzahler mussten für die Spekulationsverluste der Banken und die angebliche Rettung Griechenlands aufkommen, nur die Reichen wurden noch reicher. Lilly war informiert. Sie las die Zeitung, vor allem den Wirtschaftsteil, auch wenn sie die Dinge anders bewertete als die meisten Redakteure, die darüber schrieben: Eigentlich war ein breiter Aufstand angesagt, nicht eine individuelle Aktion.
Lilly setzte ihre Sonnenbrille auf. Im Gang zum Parkhaus gab es jede Menge Kameras, todsicher.
Jetzt: Patrick schnappte sich das Aluding.
Der Catcher bemerkte es sofort und bekam Patrick am Arm zu fassen.
Scheiße, ich wusste es!
In diesem Moment reichte die Bedienung das Wechselgeld über die Theke. Patrick riss sich los und ließ den Koffer fallen. Der Dicke bückte sich danach und schien zu überlegen, ob er die Verfolgung aufnehmen sollte, doch Patrick war bereits in den Shopping-Arkaden zwischen Boss und Etro verschwunden.
Der Catcher wandte sich der Asiatin hinter dem Tresen zu, steckte die Münzen ein und wanderte mit seiner Tasse an den nächsten Stehtisch, das Aluköfferchen nicht mehr loslassend. Rasch trank er den Espresso aus und schlug dann den Weg zu den Flugsteigen ein.
Minuten vergingen.
Lilly malte sich aus, dass die Sicherheitsleute Patrick beobachtet hatten. Dass er in einem fensterlosen Kabuff im Kellergeschoss des Düsseldorfer Flughafens feststeckte. Dass die Bullen ihm zusetzten. Würde Patrick sie verraten?
Hinter ihr öffnete sich die Aufzugtür. Reisende schoben ihre Rollkoffer vorbei.
Dann ein leiser Pfiff. »Hey, Süße!«
Lilly fuhr herum. Patrick rieb sich den Arm, wo der Catcher ihn gepackt hatte. Er drückte den Schalter. Lilly trat zu ihm in die Kabine, bevor sich die Tür wieder schloss.
»Der Typ hatte sowieso kaum etwas dabei«, berichtete Patrick. »Der Koffer war viel zu leicht.«
Eine Etage tiefer stiegen sie aus. Ankunftsebene. Übergang zum Parkhaus zwei.
»Sag mir Bescheid, wenn du eine Toilette siehst«, bat Patrick und blickte sich um.
Lilly ergriff seine Hand und beschleunigte ihren Schritt. »Erst mal weg von hier!«
Eine Horde fröhlicher Frauen strömte aus dem Raum mit den Gepäckbändern in den Empfangsbereich. Braun gebrannt und im Urlaubsfummel. Lilly fragte sich, woher die Leute kamen. Zwei Jahre lang hatte sie auf jegliche Reise verzichten müssen, und dabei würde es auf absehbare Zeit auch bleiben, wenn ihre Raubzüge nichts einbrachten.
»Wart hier auf mich!« Patrick hatte Toiletten entdeckt und steuerte die Tür mit dem Männer-Zeichen an.
Kaum war sie hinter ihm ins Schloss gefallen, stürmte Patrick auch schon wieder heraus – eine Aktentasche aus braunem Leder in der Hand.
Er eilte in Richtung Parkhaus.
Lilly drängte sich durch die Menge und hastete ihrem Freund hinterher. Sie senkte den Kopf und wagte es nicht, sich umzusehen.
Garantiert hat uns die Security im Blick.
Sie fanden den Polo. Patrick zückte den Autoschlüssel. »Magst du fahren?«
Lilly schüttelte den Kopf. Sie war viel zu aufgeregt.
Auf der Heimfahrt sprachen sie kein Wort. Vor ihrem Wohnblock in Ratingen-Lintorf setzte Patrick das Auto in eine freie Lücke. Die Sonne strahlte unter der Wolkendecke hervor und ließ die Regenpfützen schillern. Lilly kniff die Augen zusammen. Sie stellte fest, dass sie ihre Sonnenbrille verloren hatte.
In der Wohnung angekommen, verschwand Patrick aufs Klo und rief: »Allein die Tasche ist etwas wert, was meinst du?«
Er hatte recht: feines, genarbtes Leder, edle Beschläge, so gut wie neu.
Die Spülung rauschte, Patrick kehrte in die Küche zurück. »Mach das Teil auf, Süße.«
»Ich?«
»Unser erstes Beutestück. Stand ganz allein im Vorraum. Der Besitzer wollte es anscheinend nicht auf die vollgepissten Fliesen mitnehmen. Jetzt mach schon auf!«
»Hat dich wirklich niemand gesehen?«
»Garantiert nicht. Höchstens von hinten.«
Lilly hob das Lederding prüfend an. Viel konnte auch hier nicht drin sein. Der Deckel hatte zwei Zahlenschlösser, aber sie waren unverriegelt. Lilly ließ sie aufschnappen.
Sie sahen hinein. Papierkram. Ein leeres Brillenetui und ein Ladegerät fürs Handy. Kein Laptop. Von wegen Görenfotos auf einer Festplatte.
Sie mussten wohl noch öfter ran.
Lilly zog die Stirn kraus. »Vielleicht sollten wir es doch eher so machen, wie ich es vorgeschlagen habe.«
»Bewaffnet? À la Bonnie und Clyde?«
Oder wie Meinhof und Baader, dachte Lilly. Den Massen ein Beispiel geben. Das kapitalistische System erschüttern.
»Mit den beiden ist es nicht gut ausgegangen«, sagte Patrick.
»Na und?«, gab Lilly zurück. »Was haben wir schon zu verlieren?«
