Der Markenpirat auf dem Surfbrett

Jan Seghers und die Apartheid in der Literatur

Es bleibt jedem Schriftsteller unbenommen, von sich zu behaupten: Ich kann nur Handwerk. Hut ab, wenn einer, wie es Jan Seghers in einem Interview über sich sagt, mit Beschränkung auf einfaches Handwerk nicht nur "zehnmal schneller" schreibt als früher, sondern nebenher auch seinen Erfolg verzehnfacht hat. Das ist zweifellos auch eine Kunst. Doch mir dreht sich schier der Magen um, wenn ausgerechnet Seghers die alte Kamelle wiederkäut, ein Krimi sei prinzipiell nur Handwerk - also kein Vergleich mit "guter" Literatur. Damit beleidigt er seine Leser.

Lange Zeit wollten Germanisten und Feuilletons mit dem Dogma der Minderwertigkeit des Genres den Krimilesern ein schlechtes Gewissen einbläuen. Doch während international die Besten der Zunft längst zur Weltliteratur gezählt werden dürfen, hat sich auch im deutschsprachigen Raum die Einsicht durchgesetzt, dass Krimi weit mehr bedeuten kann als eine mediokre Kopie oder Parodie alter Klassiker wie Chandler oder Christie. Die Apartheid - hier Krimi, dort Literatur - ist vorbei.

Kriminalromane sind so vielfältig und interessant wie der Rest der Literatur, oft noch spannender. Und wenn es ein Genregesetz gibt, an das sich die Autoren gebunden fühlen, dann ist es das eine, das allerdings für jede Art von Belletristik gilt: Du darfst nicht langweilen! Es gilt möglichst gute Geschichten zu erfinden und sie möglichst gut zu erzählen. Darin besteht die Kunst - ob Krimi oder nicht.

Es gab einmal einen Syndikatssprecher, der erklärte: Ich schreibe Krimis, weil es für richtige Literatur bei mir nicht reicht. Armer Kerl, mag man darauf antworten. Im Fall des Kollegen Mathias Altenburg alias Jan Seghers liegt der Fall jedoch anders. Er gefällt sich als einer, der sich aus dem Kunstolymp herabließ, um das einfache Krimipublikum zu beehren: "Ich musste die Klamotten für die Gartenarbeit wechseln." Seghers' Credo lautet: "Ich unterscheide grundsätzlich zwischen dem Kriminalroman, also dem Schreiben in einem Genre, und Kunst." Wir staunen und fragen: Warum zum Teufel macht er seine Arbeit niedrig? Ist Altenburg auf Seghers neidisch? Oder missfällt ihm, was der Seghers da schreibt? Taugt es etwa nichts?

Weil ihm das Krimimetier so befremdlich schien, wählte er ein Pseudonym. Nun steckt bekanntlich in dessen Wahl die erste Chance zur Peinlichkeit: "Jan" steht für den Radfahrer Ullrich, den Altenburg verehrt, und "Seghers" für die Schriftstellerin, vor der er sich verneigt. Dem geschätzten Kollegen Roger Fiedler fällt dazu ein Markenpirat ein, der bei der Einreise am Flughafen erwischt wird: keine Fälschung, sondern die Verneigung vor der Arbeit eines großen Designers, so die Ausrede des Schmugglers - ein herrlicher Vergleich, wobei hier nicht die große Deutsche gefälscht wird, sondern ein beliebter Schwede.

Seghers (gemeint ist Jan) will nach eigener Aussage den europäischen Krimi ernstnehmen und nicht bloß mit Versatzstücken spielen. Henning Mankell als sein explizites großes Vorbild - entweder ein Missverständnis oder plumper Marketingeinfall. Altenburg als Trittbrettfahrer, surfend auf der Schwedenwelle? Der Gedanke liegt nahe, denn als Leser bevorzugt er Proust und danach erst einmal lange nichts.

Altenburg kann angeblich beides: Handwerk und Kunst. Er schrieb kluge Artikel für das Feuilleton und einen Nicht-Krimi, der bei Amazon noch zu haben ist. Er sagt: "Da ich auch die andere Seite kenne, weiß ich, dass ich für 500 Seiten Kunst etwa zehnmal so lange brauche wie für 500 Seiten Krimi."

Indem er das neu gewählte Genre zur leichten "Gartenarbeit" degradiert, meistert Seghers den schizophren anmutenden Trick, sich zugleich als Altenburg zu erhöhen, nämlich als Autor von Kunst. Sein Motto: Ich könnte noch ganz anders! (Als sei der Name Altenburg dem Publikum nicht fast ausschließlich als Alias von Jan Seghers bekannt, wie weiland Mr. Thatcher nur als Gatte der britischen Premierministerin.)

Die Genrebeschimpfung des Genreautors Seghers gipfelt in der These, im Krimi ginge es nur um ein Abschreiben der Wirklichkeit, um die Nacherzählung eines Kriminalfalls: "Wer avancierte Literatur schreibt, muss die Gattung des Romans fortschreiben. Der Kriminalroman ist eher ein journalistisches Genre." Das Lesepublikum verlange nun mal "Nachrichten aus der Wirklichkeit". Seghers als Handwerker an der Wahrheitsfront? Als sei Literatur nicht stets eine - im gelungenen Fall wahrhaftige - Erfindung von Realität.

Warum versucht es Seghers nicht mit "avancierter" Kriminalliteratur - wie es etwa Michael Connelly tut,den Seghers als seinen Lieblings-Krimiautor nennt, weit vor dem Vorbild Mankell übrigens? Wie wäre es mit literarischem und gesellschaftlichem Anspruch, den man von einem gebildeten und kritischen Autor erwarten könnte? Nein, ein paar geborgte Versatzstücke tun es ja auch.

Seghers' Hauptfigur, so die Auskunft des Autors, "telefoniert nicht gerne und fährt nicht gerne Auto. Abgebrühte Polizisten sind ihm zuwider. (...) Manchmal hat er - nicht ganz zu unrecht - die Befürchtung, kauzig zu werden." Wallander, wir hören dich lautstark trapsen. Größerer Aufwand lohnt sich nicht. Die Seghers-Leser sind es Altenburg nicht wert.

Nebenbei gesagt: In weiten Passagen genügt Seghers nicht einmal seinen "journalistischen" Ansprüchen. "Fast wie im Märchen", so der Klappentext und zahlreiche nachbetende Rezensionen, beginnt sein Erstling. Und als sei es ein Märchen, schreibt Seghers gern weit an der Realität vorbei. "Nachrichten aus der Wirklichkeit"? Eher getürkte News, nachlässiges Infotainment.

Wenn ein Schriftsteller sagt, seine Literatur sei "nur Handwerk", dann ist das seine Sache - als Understatement immer gern genommen. Wer tatsächlich glaubt, dass seine Krimis keinen höheren literarischen Ansprüchen genügten, möge die Gründe bei sich suchen, nicht beim Genre. Wenn ein "Künstler" sich aber über das "Handwerk" mokiert, das er selbst betreibt, dann entsteht der Eindruck billiger Markenpiraterie, die zugleich die Chuzpe besitzt, sich bei denjenigen Feuilletonisten anzubiedern, die noch immer das alte Apartheids-Dogma pflegen.

copyright: Horst Eckert, 2005, zuerst erschienen auf der Homepage der Autorenvereinigung "Das Syndikat"

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"Wer glaubt, dass seine Romane keinen höheren literarischen Ansprüchen genügten, möge die Gründe bei sich suchen, nicht beim Genre."


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