Laudatio

von Christian Timm

Anlässlich der Verleihung des Marlowe-Preises 1998 durch die Raymond-Chandler-Gesellschaft in Ulm an Horst Eckert für "Aufgeputscht" (bester deutschsprachiger Kriminalroman des Vorjahres)

Lieber Horst Eckert, liebe Gäste,

"als ich um die Jahreswende 1993/94 ein paar Krimis las, deren Grundidee ich spannend fand, aber die Umsetzung (Sprache, Tempo, Originalität der Figuren) mangelhaft, kam mir die Idee, es einfach mal selbst zu probieren", sagte Horst Eckert in einem Interview.

Nach den viel beachteten Romanen "Bittere Delikatessen" und "Annas Erbe" hat Horst Eckert sein Vorhaben erneut wahr gemacht. "Aufgeputscht" heißt der Roman, und so fühlt man sich auch während und nach der Lektüre.

"Das Tageslicht schmerzte, als Nicole die Augen aufschlug. Zwölf Uhr sagte die grün leuchtende Anzeige des Videorecorders." So beginnt ein Krimi. Scheinbar wie ein anderer, schon gelesener Krimi. Doch hier beginnt auch ein Krimi im unüblichen Sinn. Hier werden auf 412 Seiten die Grenzen des Genres quasi gesprengt - mit Mitteln, die man eigentlich nur aus (guten) Filmen kennt.
Drei zu lösende Fälle, drei Polizisten, ein Machtgerangel im Polizeipräsidium - das ist der Rahmen für "Aufgeputscht".

Rolf Nowak hat einst - unter Drogen stehend - einen wohl Unschuldigen erschossen. Er kümmert sich nun um die Tochter des Toten, die ihrerseits massiv bedroht wird. Signale aus der Vergangenheit ihres Vaters. Benedikt Engel führen seine Ermittlungen in einem Mordfall in die Drogen- und Technoszene.
Karl Thann wird abgestellt zur Bekämpfung der Korruption in den eigenen Reihen - da gibt es viel zu tun.

Vor dem Hintergrund eines Umstrukturierungsprozesses in einem Polizeipräsidium zeichnet Horst Eckert den Polizeialltag. Alltag ist dort nicht das, was landläufig darunter verstanden wird. Intrigen und Machtkämpfe im Polizeirevier. Jedem seinen "Campus". Eine breite Palette krimineller Aktivitäten sind hier klug verpackt und nicht zu fest geschnürt: Rotlichtmilieu, Serienmörder, Mord, Betrug, Korruption.

Ein facettenreiches Polizeipanorama wird aufgezeichnet - doch "Aufgeputscht" ist beileibe kein eindimensionaler "Polizeiroman". Eckert weist sich vielmehr als Kenner zweier Milieus (und gleichzeitig Gegenpole) aus. Damit wird auch der fließende Übergang zwischen Verbrechen und Verbrechensbekämpfung glaubhaft.

Die Figuren, Fälle und Handlungsstränge sind gut durchdacht und gleichzeitig logisch miteinander verknüpft. Zunächst durch die gleiche Dienststelle und dann im Fortgang der Handlung durch die gemeinsame (aber einzeln ausgelebte) Sucht nach Geld, Anerkennung und Macht. Horst Eckert hält stil- und zielsicher das Knäuel krimineller Machenschaften und Aktivitäten in der Hand und entwirrt es erst ganz zum Schluss gekonnt.

Bemerkenswert sind seine grundlegende Darstellungsweise und die Konzeption der literarischen Figuren. Dabei neigt Eckert nicht - wie so oft im Genre praktiziert - zu einer simplen Typisierung, d.h. zu einer individuellen und abstrahierten Repräsentierung allgemeinmenschlicher Züge in einem Charakter. Eckert ist jenseits solcher Eindimensionalität, jenseits einer Typisierung seiner Figuren durch nur einen kleinen in sich stimmigen Satz von Merkmalen, jenseits der Plattheit von Gut und Böse. Die Darstellung oszilliert vielmehr zwischen den Polen der Individualisierung und Typisierung, wobei die Charaktere Schritt für Schritt durch die Bündelung psychologischer und soziologischer Merkmale individualisiert werden. Ein meisterlich gelungenes Unterfangen.

Das Handeln einer Figur wird stets auf seine Bedingungsfaktoren hin analysiert. Die Figurenzeichnung beleuchtet viele Facetten, eine Kategorisierung, wie man sie (leider) von vielen anderen Kriminalromanen kennt, ist in "Aufgeputscht" von vornherein ausgeschlossen. Der Gute ist auch Böse und der Böse ist - irgendwie - auch gut. Denn selbst die Täter sind - zumindest streckenweise - Sympathieträger. Alles Charaktere mit Charakter.

Dabei konzentriert sich Eckert nicht nur auf die realitätsnahe und differenzierte Figurenzeichnung. Insgesamt ist "Aufgeputscht" brillant recherchiert und mit ausgeprägter Liebe zum Detail geschrieben. Oder (wie bereits von anderer Seite angefragt): Wissen Sie etwa, wie lange es dauert, bis sich eine Leiche rot verfärbt?

Die auffällige Sprache - nahe am Volk, schnell, präzise und anschaulich - verleiht dem Roman dabei ebenso Tiefe und zusätzliche Spannung wie die in die Handlung hervorragend eingebetteten Dialoge.

"Das Telefon gab keine Ruhe. Er faltete den Brief zusammen und verstaute ihn in der Schublade. Er nahm den Hörer ab: noch eine Leichensache." So endet ein Krimi. Doch kein Krimi im üblichen Sinn. Mit "Aufgeputscht" liegen 412 pralle Seiten glaubwürdiger deutscher ambitionierter Kriminalliteratur vor. Ein literarischer Kriminalroman - ausgerichtet auf emotionale Spannungseffekte und die Nerven des Lesers, hart und dynamisch in seiner Dramaturgie. Die Frage, die noch bleibt, ist: Wann gibt es das als Film?


 

Berster deutschsprachiger Kriminalroman des Jahres (Marlowe-Preis 1998)

Das Cover heute (oben: 7. Auflage 2012) und damals (unten: 1. Auflage)

"Horst Eckert hält stil- und zielsicher das Knäuel krimineller Machenschaften und Aktivitäten in der Hand und entwirrt es erst ganz zum Schluss gekonnt.
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Bemerkenswert sind seine grundlegende Darstellungsweise und die Konzeption der literarischen Figuren.Mit "Aufgeputscht" liegen 412 pralle Seiten glaubwürdiger deutscher ambitionierter Kriminalliteratur vor. Ein literarischer Kriminalroman - ausgerichtet auf emotionale Spannungseffekte und die Nerven des Lesers, hart und dynamisch in seiner Dramaturgie.
(Christian Timm)


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