Mein Freund Joe

"Tu's nicht", sagte ich. "Das geht ins Auge."
Es war Karnevalssamstag gegen zehn am Abend. Ich saß mit meinem guten, alten Freund Joe beim Bier. Es war nicht das erste.
Wir sprachen darüber, wie man die Stadt voranbringt. Ich lobte ihn dafür, dass er Unglaubliches für den Sport geleistet hatte: Er hatte fast Olympia an den Rhein geholt. Er hatte fast die WM in die Stadt geholt. Er hatte fast eine profitable Arena gebaut. Nun wollte er Ähnliches auf kulturellem Gebiet tun. Immerhin war er auch Kulturdezernent.
"Schreib du deine Krimis", sagte er. "Und ich sorge dafür, dass sie bundesweit in die Medien kommen."
"Aber doch nicht auf diese Art", erwiderte ich.
"Du hast etwas gegen mich!", fuhr er mich an.
"Nein, überhaupt nicht", sagte ich.
Offenbar glaubte er nun, ich hätte ihm zugestimmt.
Er erklärte mir, worauf seine Strategie abzielte. Bustouren zu den Tatorten von Eckert-Krimis. Ein Festival mit Düsseldorfkrimis im Rahmen des 300. Kö-Geburtstags im nächsten Jahr. Verkaufsoffene Sonntage, boomende Hotels, schwarze Zahlen für die Arena sowieso.
Ich habe mir nicht alles gemerkt, was er alles aufzählte. Wie gesagt, es war nicht das erste Bier und Zweifel beschatteten meine Gedanken.
Irgendwann wagte ich einzuwenden: "Nur Typen wie Silvio Berlusconi und Alexander Lukaschenko werden dir gratulieren."
Er lief rot an und brüllte: "Willst du behaupten, Düsseldorf stünde auf einem Niveau mit Minsk und Mailand? Wir sehen uns vor Gericht wieder, wenn du das wiederholst!"
Ich versuchte, ihn zu beruhigen. Die Kellnerin brachte eine neue Runde. Mein guter, alter Freund kühlte sich allmählich ab.
Als wir uns an diesem Abend verabschiedeten, fragte ich noch einmal vorsichtig: "Willst du das wirklich durchziehen?"
"Und ob", antwortete er. "Das bin ich meinem Lieblingsautor schuldig. Du hast in diesem Jahr keinen Literaturpreis gekriegt. Du kannst PR gebrauchen. Darauf verstehe ich mich wie kein anderer. Vertrau mir."
"Okay", sagte ich. "Aber dann versprich mir eins."
"Was denn?"
"Wenn alle auf dir herumhacken, dann musst du behaupten, der Plan sei nicht von dir persönlich. Am besten du sagst, du kennst mich gar nicht."
Er schüttelte entsetzt den Kopf, aber ich wusste, dass er bald keine andere Wahl haben würde.
Und so kam es dann auch. Er behauptete, dass er meine Bücher nie gelesen habe. Und dass er sie auch überhaupt nicht gut finde. Aber er zog die Aktion durch. Ohne mit der Wimper zu zucken und völlig ohne jeden Eigennutz.
Auf meinen guten, alten Freund Joe ist wirklich Verlass.  

(Copyright: Horst Eckert, März 2006, Nachdruck nur mit Genehmigung des Autors, zum Anlass der Geschichte siehe News.) 

"Das bin ich meinem Lieblingsautor schuldig", sagte Joe.


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