Horst Eckerts Leichenschau

Schmuggler, Mörder und Agenten

Der Südafrikaner Deon Meyer zeichnet in „Rote Spur“ ein atemberaubendes Panorama jenseits der Reiseprospekte.

Milla Strachan wird von ihrem Mann kaum noch wahrgenommen. Als sich auch der pubertierende Sohn als Kotzbrocken erweist, wirft sie endlich hin und verlässt die Familie. In Kapstadt findet sie einen Job. Sie formuliert Dossiers, offiziell für eine Zeitschrift, in Wirklichkeit für den Nachrichtendienst des Präsidenten. An dessen Spitze steht Janina Mentz. Ihr droht gerade ein Machtverlust. Da kommt die Meldung eines Spitzels gelegen: Am Kap bahne sich ein Deal zwischen al-Qaida und der Mafia an, womöglich drohe ein Anschlag.
Lemmer ist Personenschützer. Er soll zwei Spitzmaulnashörner samt Tierärztin an der Grenze zu Simbabwe übernehmen und zu einer Farm in der Karoo geleiten. Dass die seltenen Tiere als Tarnung für einen Diamantschmuggel dienen, ahnt er nicht. Und dahinter stecken Mafia und Islamisten. So schließt sich der Kreis.
Mat Joubert hat den Polizeidienst quittiert, wo er nur noch aneckte, und bei einer noblen Detektei angeheuert. Er soll einen kleinen Angestellten finden, den seine Frau vermisst. Jouberts Boss will die Frau nur ausnehmen. Joubert soll die Ermittlungen hinauszögern, doch ihm tut die Frau leid und er setzt alle Hebel in Bewegung. Am Ende findet er den Vermissten und zugleich die Erklärung, warum die Pläne von al-Qaida, Straßengangs und Geheimagenten so schrecklich aus dem Ruder liefen.
Es sind drei Geschichten, die Deon Meyer hier zusammenfügt. Und die ersten hundert Seiten sind ihm etwas wirr geraten. Aber mit dem Auftritt Lemmers kommt gehörig Fahrt auf. Plötzlich fesselt die Handlung und die Figuren rühren den Leser. Allen voran Milla, die sich ausgerechnet in den Mann verliebt, den ihr Geheimdienst beschattet. Wie sie in ihrer Verzweiflung Mut fasst und es sogar mit al-Qaida aufnimmt, das ist – samt einer irrwitzigen Pointe – großes Kino.
 „Rote Spur“ mischt Agententhriller, Abenteuerroman und Detektivschmöker zu einem atemberaubenden Panorama eines Landes, das wir meist nur als Kulisse von TV-Schmonzetten erleben. Keine zwei Jahrzehnte nach Ende der Apartheid herrschen dort Krise, Politikverdruss und organisierte Kriminalität. Vorstellungen von Gesetz und Ordnung erscheinen absurd, in der Wildnis der Karoo wie im Asphaltdschungel der Städte. Meyer zieht alle Register. Und, versprochen, nach gut sechshundert Seiten ist der zähe Einstieg gründlich vergessen.

Deon Meyer, Rote Spur, aus dem Afrikaans von Stefanie Schäfer, Rütten & Loening, 625 Seiten, 19,99 €

 

Ab Frühjahr 2006 war Horst Eckert Kolumnist der "Focus-Mordkommission" (Focus-Online).  Seit Januar 2012 erscheinen seine Krimitipps jeden Monat unter der Rubrik "Horst Eckerts Leichenschau" im neuen Stadtmagazin "Düsseldorf im Überblick" - unter dem Motto: Das Leben ist zu kurz für schlechte Bücher. Den Anfang macht im die Besprechung von Deon Meyers neuem Roman "Rote Spur".


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