Horst Eckerts Leichenschau
Ein Land wird zum Irrenhaus
Im besetzten Paris des Jahres 1940 zerfällt die Gesellschaft und tummeln sich finstere Gestalten.
Die Stadt ist nicht mehr, was sie war. Totenstille, viele Bewohner sind geflohen, die Deutschen rücken heran. Erst Bomben, dann Lebensmittelknappheit und Ausgangssperre. Doch längst nicht „tout Paris“ wünscht sich die Besatzer zum Teufel. Davon handelt „Boulevard der Irren“, der grandiosen Schlusspunkt von Patrick Pécherots Nestor-Burma-Trilogie.
In der Detektei Bohman hält Nestor die Stellung. Er soll auf Professor Griffart aufpassen, einen depressiven Psychiater, der prompt zu Tode kommt, während Nestor schläft. Wirklich Selbstmord? Nestor beginnt zu ermitteln, denn die Schmach, nicht aufgepasst zu haben, nagt an ihm.
Die Spur führt in eine Klinik. Griffart hatte dort einen deutschen Patienten, der in Spanien auf Seiten der Republikaner gekämpft hatte und wegen diverser Traumata verstummte. Als seine Landsleute die Klinik bombardierten, starb der Mann. Was war sein Geheimnis?
Nestor kämpft sich durch ein Gestrüpp an Intrigen und muss bald um sein eigenes Leben fürchten. Die Nervenheilanstalt wird zur Falle. Nestor erwacht in einer verdreckten Kammer, wird mit Spritzen ruhig gestellt. Aber der Horror währt nicht lange, denn darum geht es Pécherot nur am Rande.
Das Böse kriecht überall aus der eigenen Gesellschaft. Nicht die Besatzer torpedieren Nestors Untersuchung, sondern heimische Nutznießer des neuen Regimes. Etwa die Ärzte, die der Rassenhygiene anhängen – östlich des Rheins werden bereits Patienten vergast und auch in Frankreich hat die perfide Lehre kaum noch Gegner.
Die Zeitung meldet: „Mlle Colonne, Pianistin, gibt bekannt, dass sie in keinerlei verwandtschaftlicher Beziehung zu dem Juden Colonne, Gründer der gleichnamigen Konzertreihe, steht.“ Tatsächlich ist sie Colonnes Adoptivtochter und alles, was sie kann, hat Colonne ihr beigebracht. Verrat und Niedertracht machen sich breit.
Doch Pécherots Humor sorgt dafür, dass ein heiterer Ton den Roman durchzieht. Nestor trägt das Herz auf dem rechten Fleck und die Handlung schlägt Kapriolen. Wie war das noch einmal mit den sagenhaften Goldreserven, die Spaniens Regierung im Tausch gegen Waffen nach Moskau schaffen wollte und die in den Wirren des Bürgerkriegs verschwanden?
Am Ende wird Nestor verhaftet und die Detektei als „jüdische Firma“ geschlossen. Wie es weitergeht, kann man Léo Malet (1909-1996) nachlesen, der den Privatermittler Nestor Burma ursprünglich erfand.
Patrick Pécherot, Boulevard der Irren, aus dem Französischen von Katja Meintel, Edition Nautilus, 256 Seiten, 14,90 Euro
Von 2006 bis 2011 war Horst Eckert Kolumnist der "Focus-Mordkommission" (Focus-Online). Seit Januar 2012 erscheinen seine Krimitipps allmonatlich unter der Rubrik "Horst Eckerts Leichenschau" im neuen Stadtmagazin "Düsseldorf im Überblick" - unter dem Motto: Das Leben ist zu kurz für schlechte Bücher.
Im Februar 2012: Patrick Pécherot, "Boulevard der Irren"