Wahre Lügen in kriegerischen Zeiten
Phantasie und Wirklichkeit im Polizeiroman
Sanders Augen brannten. Er spuckte Schleim aus entzündeten Bronchien, grau vom Dreck, den er seit fast fünf Monaten atmete. Arschghanistan.
Was zum Teufel treiben die deutschen Soldaten des Kommandos Spezialkräfte am Hindukusch? Keiner verrät es uns. Es wird geheim gehalten. Wir kennen nur den Auftrag: Enduring Freedom, also Krieg.
Im Mai 2002 diskutierte ich in Wesseling nach einer Lesung mit einer älteren Dame über Afghanistan und mutmaßte, dass nach sechs Monaten der erste KSK-Trupp aus dem Einsatzgebiet zurückgekehrt sei und sich die Soldaten nun in einer Kurklinik von den erlittenen Psycho-Traumata erholen müssten. Zu meiner Überraschung konnte die Frau meine Spekulation bestätigen. Der Sohn ihrer Freundin war einer dieser Rückkehrer. Ich begann zu recherchieren.
Dabei sammelte ich auch Meldungen, die jedem zugänglich waren. Die deutschen Spezialeinheiten bekamen ein neues Einsatzgebiet und operierten ab sofort unabhängig von den US-amerikanischen Kollegen. Zugleich begann die Bundeswehr zu Hause mit der massenhaften Verschrottung veralteter G3-Gewehre. Dem Spediteur, der im Auftrag der Bundeswehr Versorgungstransporte nach Kabul flog, wurde vorgeworfen, überhöhte Preise zu verlangen. Und seit die Anti-Terror-Allianz die Taliban aus den Machtpositionen vertrieben hat, ist die Heroinproduktion des Landes auf das Zwanzigfache gestiegen. Puzzleteilchen für eine Story. Nur den Sohn der Freundin meiner damaligen Diskussionspartnerin lernte ich nie kennen.
Geheimhaltung erfordert den Einsatz von Phantasie und ist zugleich ihr bester Nährboden. Wenn die Bundeswehr nicht verrät, was KSK-Soldaten und Geheimdienstagenten in den Bergen Afghanistans treiben, dann dichte ich ihnen eben ein Komplott an, in dem es zum Beispiel um den Schmuggel ausrangierter G3-Gewehre an War Lords und Opiumbarone geht.
Als May mit Zeitung und Brötchen zurückkam, stand Paula im Pyjama vor der Glotze und betrachtete Aufnahmen zerbombter Häuser und Zivilisten, die den Tod von Angehörigen beweinten. Darauf folgte ein Schnitt auf den US-Präsidenten und dessen O-Ton, übersetzt von der Reporterstimme: Mit jedem Tag komme die Bevölkerung des Irak ihrer Freiheit näher.
"Hast du wieder schlecht geschlafen?", fragte Paula, ohne den Blick von der Mattscheibe zu wenden.
Die wirkliche Gewalt dient der fiktiven Mordgeschichte als Untermalung, als Hintergrundmelodie. Feldzüge im mittleren Osten und private, nicht minder tödliche Dramen in deutschen Landen. Überall wo Blut fließt, ist Purpurland. Dass Felix May daran seinen persönlichen Anteil hat, lässt ihn nicht schlafen. Der Ermittler trägt schwer an eigener Schuld. Vom Krieg mag er nichts hören.
Meist lassen Autoren einige Jahre verstreichen, bis sie ein politisches Ereignis thematisieren. Ich wollte nicht warten, denn es passte zu gut. Einen Kommentar konnte ich mir allerdings sparen, denn die Realität sprach für sich. Am Morgen der ersten Bombardements brachte das ZDF-Morgenmagazin einen doppelten Wetterbericht: Nach der Meldung für Deutschland folgten die Aussichten für den Irak. Die Welt ist ein grausamer und absurder Ort. Vor allem deshalb schreiben Autoren Kriminalromane, auch wenn es Elke Heidenreich nicht gefällt.
Aus dem Vorzimmer vernahm Ela ein Rumpeln und Scharren. Kaffeeduft drang herein, die Sekretärin der Dienststelle war eingetroffen. Ela pustete den Rauch aus den Lungen und drückte die Kippe in den Aschenbecher.
Es war Zeit. Sie wollte nicht als Letzte beim Kripochef erscheinen. Das Nikotin hatte ihre Magenschmerzen nicht gedämpft.
In einem ansonsten wunderbaren Aufsatz für das "Marbacher Magazin" schrieb Fred Breinersdorfer vor etlichen Jahren, dass er Kommissarkrimis uninteressant, ärgerlich und reaktionär finde. Ich kann dem nur widersprechen. Polizeiromane zählen zu meinen packendsten Lektüreerlebnissen. Und Polizisten, ja, deutsche Polizeibeamte sind die Hauptfiguren meiner nunmehr sieben Bücher. Solange ich ihnen neue Aspekte abgewinnen kann, werde ich Kommissarinnen und Kommissare ins Zentrum meiner Geschichten stellen.
Polizeiarbeit findet an der Schnittstelle zwischen Recht und Verbrechen statt - in sämtlichen Bereichen unserer Gesellschaft. Polizisten verfolgen Gewalttäter, üben Gewalt aus und sind ihr ausgesetzt. Die Nähe zum Bösen kann die unterschiedlichsten Reaktionen auslösen: Trauma, Frustration und Besessenheit, aber auch Verständnis und Attraktion. Die Vorstellung, dass ein Bulle die Seiten wechseln kann, macht ungeahnte Wendungen möglich und steigert die Spannung - fern aller ideologischen Kategorien wie reaktionär oder politisch korrekt.
Nicht zuletzt spiegelt der Polizeiapparat den sozialen Kosmos im Kleinen. Karrierestreben, Geltungsdrang, Duckmäusertum und Versagensängste. Vertraute menschliche Schwächen. Aber in der Polizeiarbeit gewinnen sie neue Dimensionen: begleitet von den Medien, getrieben von der Politik, ausgestattet mit den brachialen Mitteln des staatlichen Gewaltmonopols.
So hat auch Fred Breinersdorfer unlängst mit dem Film "Die Hoffnung stirbt zuletzt" ein hervorragendes Stück Kommissarkrimi geschrieben und dafür den Grimme-Preis erhalten.
Seit jenem Oktobertag im letzten Jahr kam ihm das Leben verkehrt vor. Eine große Lüge, die immer weitere Ausflüchte nach sich zog, um nicht als komplette Nullnummer aufzufliegen.
Es wird bisweilen diskutiert, ob der ideale Krimi in der Großstadt zu handeln hat oder in der Provinz. Großes Verbrechen oder kleine, hässliche Beziehungstat. Asphaltdschungel versus Landhausdrama. Als seien dies entscheidende Kriterien.
Auf die Figuren kommt es an. Es müssen richtige Menschen sein, nicht bloße Funktionsträger des Plots. Leben versus Nullnummer. Nur wenn das Phantasieprodukt möglich erscheint, wird Fiktion wahrhaftig.
"Purpurland" führt aus der Provinz in die Großstadt, vom Hindukusch nach Düsseldorf. Die Anfangssätze beschreiben das Lebensgefühl der Hauptfigur "seit jenem Oktobertag im letzten Jahr". Wenn die Leser Felix May verstehen und ihm die Daumen drücken beim Versuch, seine Dämonen zu besiegen, habe ich mein Ziel erreicht.
copyright: Horst Eckert, Oktober 2003, für Syndikats-Homepage.
Sämtliche Zitate aus "Purpurland".
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"Am Morgen der ersten Bombenangriffe brachte das ZDF einen doppelten Wetterbericht: Nach der Meldung für Deutschland folgten die Aussichten für den Irak.