Abgrenzung zu den USA erwünscht

Festival in Saint-Malo: Krimi hat großen Stellenwert

Am Ende der Diskussion stand tatsächlich die Gretchenfrage: Nachdem der bretonische Krimiautor Jean-Francois Coatmeur sich dazu bekannt hatte, aus christlicher Überzeugung seinen Romanen eine positive Botschaft zu verleihen, wollte Moderator Philippe Vallet von France Info auch von mir hören, wie ich es mit der Religion hielte. Immerhin einer der wenigen Anlässe zu zeigen, wie unterschiedlich Spannungsschreiber gestrickt sein können.

Es wird nicht gelesen, sondern diskutiert beim größten französischen Literaturfestival Etonnants Voyageurs in Saint-Malo. 132 eingeladene Autoren aus diversen Genres und Ländern listet das Programmheft auf, an 15 Veranstaltungsorten der malerischen Korsarenstadt konnte das Publikum mitverfolgen, wie Schriftsteller mehr oder weniger geschliffen über Gott und die Welt parlierten. Und über die dunklen Seiten des Lebens: Erstaunlich groß war die Präsenz des Kriminalromans, Kollegen wie Fred Vargas und Didier Daeninckx (Frankreich), Manuel Vasquez Montalban (Spanien), Carlo Lucarelli (Italien), Nicholas Blincoe (England), Eoin McNamee (Irland) und viele andere traten auf und signierten ihre Bücher an den zahlreichen Ständen der Salons du Livre, in denen - auch das ein Unterschied etwa zu Frankfurt und Leipzig - die Verlage ihre Bücher verkauften.

Das diesjährige Motto lautete "l'idée européenne". Bei einer weiteren Diskussion von Autoren des roman noir bzw. roman policier, wie der Krimi im Französischen genannt wird, lautete die Frage entsprechend, ob es den spezifischen europäischen Kriminalroman gebe. Doch die von der Moderatorin vielleicht erhoffte und derzeit in Frankreich sicherlich politisch korrekte Abgrenzung zu den USA blieb aus, nicht nur bei den britischen Kollegen wie John Harvey, der darauf hinwies, dass ihn sowohl ein amerikanischer Schreibstil geprägt hat, der Wert auf Ökonomie und Tempo legt, als auch Sichtweisen vom europäischen Kontinent, wie sie beispielsweise Sjöwall/Walhöö in die Krimiliteratur einführten. Festivalsprache blieb übrigens auch dann Französisch, wenn, wie in dieser Runde, ein Deutscher mit zwei Briten auftrat. Übersetzer flüsterten simultan auf Englisch ins Ohr.

Trotz der Größe des Bücherfestes bezauberte vor allem die Atmosphäre. Bereits die Anreise hatte Autoren, Verlagsvertreter und Medienleute passend eingestimmt: per Sonderzug erster Klasse aus Paris. An den Abenden herrschte ein Geist, wie wir ihn auch von der Criminale kennen. Man ging gemeinsam Essen, traf in den Bars Kollegen, blieb bis weit in die Nacht, weil die Unterhaltung so anregend war und man sich am nächsten Morgen beim Strandspaziergang ohnehin wieder einen klaren Kopf holen konnte. Und speziell Patrick Raynal, Herausgeber der Série Noire bei Gallimard, und sein engagiertes Team schafften eine höchst familiäre Atmosphäre für ihrer Autoren. Nicht einmal wenn draußen Meer, Sonne, Austern und Weißwein lockten, war das Signieren am Stand ein lästiges Pflichtprogramm. Das Meer lief ja nicht weg.

copyright: Horst Eckert, Mai 2003, für: Syndikats-Homepage

 

"Meer, Sonne, Austern - und ein spannender Diskussionsmarathon"


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