Seine größte Story

von Horst Eckert

Hinter Schaffhausen rückten die Hügel zusammen. Der große Mercedes überquerte eine Bahnlinie, verringerte das Tempo und fand den Abzweig. Gleich darauf weitete sich die Landschaft wieder: abgeerntete Felder, ein paar Dörfer.
In gut zehn Kilometern werden wir den Grenzübergang erreichen, dachte Walter Castorp. Die Wahrscheinlichkeit, dass deutsche Zöllner dort im Kofferraum schnüffeln würden, schätzte er als gering ein.
Auf dem Beifahrersitz summte Carmen die Melodie aus dem Autoradio mit, traf aber die Töne nicht. Dann kündigte ein Sprecher die Nachrichten an, und Castorp schaltete das Radio aus.
„Willst du nicht hören, was sie über dich melden?“, fragte Carmen.
„Lieber nicht.“
„Und warum nimmst du nicht die Autobahn?“
„Ist viel schöner so. Die Ruhe, die Landschaft. Schau nur!“
„So kenn ich dich gar nicht.“
Castorp setzte sein Lächeln auf, mit dem er stets die Wähler und Parteitagsdelegierten rumgekriegt hatte. „In einer Viertelstunde sind wir in Deutschland und heute Abend bist du wieder zu Hause. Keine Angst, mein Goldstück.“
Ein Segelflugzeug zog am Himmel seine Kreise. Losgelöst vom harten Boden der Tatsachen, einzig der Thermik und den Winden vertrauend, vogelfrei. Ein wenig kam sich Castorp vor wie ein solcher Segler. Gestern noch ein Spitzenpolitiker, der sein Leben der Staatsräson unterordnete, zumindest dem, was er als solche definierte. Heute ein Abenteurer, der nur an sich dachte – so kannte er sich selbst noch nicht.
Weder Simone, seine Frau, noch Carmen, seine Büroleiterin, waren eingeweiht. Auch bezüglich der Frauen hielt sich Castorp die Zukunft offen. Er war so frei, wie man nur sein konnte, und für einen Moment machte ihm das Angst. Auch dieses Gefühl war neu.
Wieder schwebte das schlanke Flugzeug ins Blickfeld.
„Pass auf!“, kreischte Carmen.
Eine Kuppe schoss auf sie zu, unmittelbar danach eine scharfe Kurve. Castorp bremste scharf, doch für einen Moment war er heftig rumpelnd von der Straße abgekommen.
Carmen lästerte: „Man merkt, dass du in den letzten Jahren einen Chauffeur hattest.“
Beim Weiterfahren erkannte Castorp, dass etwas mit den Reifen nicht stimmte. Er stoppte, stieg aus und besah sich die Bescherung: Hinten rechts hatte der Mercedes einen Platten. Castorp suchte nach seinem Handy, um Hilfe zu holen.
„Warum hast du kein Reserverad?“, fragte Carmen vorwurfsvoll.
Simone wäre doch die bessere Wahl, dachte Castorp.
Warteschleife, dann ein Typ vom Callcenter des Automobilklubs. Castorp schilderte sein Problem und fragte nach der nächsten Werkstatt.
„Wo befinden Sie sich?“
Castorp blickte sich um. Weiter vorn stand ein Ortsschild.

Emma Liebig parkte in der letzten Lücke, betrat die Terrasse und vermied den Blick auf das einzige Pärchen, das unter einem Sonnenschirm saß und die Karte studierte.
Der Eingang zum Gasthof stand offen, eine Rezeption gab es nicht. Emma fing die dicke Bedienung ab, die ein Tablett mit Wein und Mineralwasser trug, offenbar die Bestellung für den Politiker und seine Geliebte – dass die blond gefärbte Büroleiterin und ihr zwei Jahrzehnte älterer Chef ein Paar waren, stand für Emma inzwischen fest. Wenn das die Medien wüssten.
„Einen Moment“, sagte die Kellnerin und verschwand mit den Getränken.
Emma blickte sich um. Der Flur glich einer Abstellkammer. Am Ende führte eine Treppe ins Dunkle. Unter ihr ein Stapel leerer Weinkartons, die auf den Abtransport in den Altpapiercontainer warteten. So rustikal waren die Unterkünfte des Pärchens, das Emma observierte, bislang nicht gewesen.
Die Korpulente war wieder da, wischte ihre Hände an der Schürze ab und fragte: „Sie wollen ein Zimmer?“
„Mit Dusche und WC, bitte.“
„Davon haben wir nur eins und das ist belegt.“
„Dann geben Sie mir, was noch frei ist.“
Die Frau führte Emma in die Gaststube und reichte ihr Meldeschein und Kugelschreiber. Dann verschwand sie in der Küche. Auf dem Tresen lag ein Stapel ausgefüllter Formulare – die Anmeldungen der Gäste von heute. Emma blickte sich um, dann blätterte sie. Auf dem vierten Zettel stand: Walter Castorp und Frau.
Eine Lüge.
Emma fotografierte den Schein, brachte den Stapel wieder in Ordnung und füllte ihr Blatt aus.
Die Bedienung, die vielleicht auch die Wirtin war, kehrte zurück und kramte einen Schlüssel aus einer Schublade. „Kommen Sie.“
Es ging die Treppe hoch. Ein Flur, sechs Türen, ein Katzenposter. Die Wirtin knipste das Licht an und schloss ein Zimmer am Ende des Flurs auf.
„Sie haben Glück. Das Letzte, das frei ist.“
Emma bedankte sich, warf ihre Tasche auf das Bett und blickte aus dem Fenster. Sie hatte kein gutes Gefühl.
Auf den obersten drei Meldezetteln hatten sich die Kerle eingetragen, die ihrer Zielperson ebenfalls auf den Fersen waren. Zwei Anzugträger sowie der braun gebrannte Mittdreißiger, der jeden Tag ein andersfarbiges Free-Tibet-T-Shirt trug.
Emmas Auftraggeberin hatte nicht erwähnt, weitere Detektive engagiert zu haben.
Emma nahm sich vor, Frau Castorp noch heute Abend anzurufen und ihre Mission für erfüllt zu erklären. Wenn auch mit einem Ergebnis, das eine Ehefrau im Normalfall nicht glücklich machte. Aber konnte man einen Ministerpräsidenten, der vor einer Woche ein falsches Ehrenwort abgegeben hatte und jetzt sogar von der eigenen Partei angefeindet wurde, als Normalfall bezeichnen?
Für Emma bot Castorp das typische Bild eines Menschen, der im Kreislauf des Leidens gefangen war. Der Mann hatte sich die falschen Ziele gesetzt. Eine Scheidung würde vermutlich sein geringstes Problem sein.

Arne Schatz umrundete die Autowerkstatt. Auf dem Hof parkte der Mercedes des skandalgeschüttelten Ministerpräsidenten. Reifenschaden. So viel hatte Arne schon nach fünf Minuten herausbekommen.
Der Hügel, an dem Walter Castorp von der Straße abgekommen war, hieß Heming. Und die Straße, auf der offenbar häufig Unfälle geschahen, hatte der Mechaniker den „Heming-Way“ genannt. Schöner Scherz, fand Arne und notierte ihn auf seinem Spiralblock. Er liebte es, seine Reportagen mit bunten Details aufzuplustern. Das erhöhte die Glaubwürdigkeit und verbarg die Lücken der Beweisführung. Und es entsprach dem Stil des Nachrichtenmagazins, das ihn dafür bezahlte.
Arne schlenderte durch das mittelalterliche Tor, hinein in die Altstadt. Vor einem Weinlokal stand ein freier Tisch in der Sonne. Arne nahm Platz, ließ sich erklären, welche Tropfen in der Umgebung angebaut wurden, und bestellte ein Glas Weißburgunder. Auf dem Notizblock entwarf er den Beginn seiner Story.
Schritte auf dem Pflaster. Arne hob den Blick und sah Walter Castorp, der mit seiner Mitarbeiterin Carmen Markowitz den Brunnen passierte und in einer Nebengasse verschwand. Arne vermutete, dass die beiden mehr als nur ein Arbeitsverhältnis verband. Unter Insidern war der noch unlängst hoch geachtete Politiker berüchtigt für seinen Verschleiß an Büroleiterinnen, Sekretärinnen, Praktikantinnen. Sie mussten blond sein und jung. Arne fragte sich, was die Frauen an dem Knacker fanden.
Zwei weitere Gestalten verschwanden in die gleiche Gasse. Arne wusste, wer sie waren. Abgesandte aus Berlin – für sich nannte er sie ‚Dick und Doof’: Max Feist, Schatzmeister seiner Partei, sowie Florian Brennecke, ein Hochschulabsolvent, der sich im Bundeskanzleramt als Referent verdingte und auf seine Karrierechance lauerte.
Arne wartete auf die Frau, die letzte im Verfolgerteam. Tatsächlich, da kam sie auch schon. Fast lautlos überquerte sie die Straße. In ihrem grauen Kostüm machte sie auf Mäuschen. Doch ihre roten Locken fielen ins Auge wie ein Reh auf einer Lichtung.
Als Castorp in Zürich die Bank aufgesucht hatte, war Arne die Frau zum ersten Mal aufgefallen. Er hatte keinen Schimmer, wer sie war. Niemand aus der Politbranche, nahm er an. Auch keine Journalistin – Arne kannte die Kolleginnen, die von der Konkurrenz auf den Castorp-Skandal angesetzt worden waren.
Er skizzierte sie auf seinem Block. Die Figur, das Haar. Nur ihr Gesicht bekam er nicht richtig hin.
„Schmeckt der Wein?“, sprach ihn plötzlich eine Frauenstimme an.
Arne blätterte rasch den Spiralblock um.
„Mein Name ist Emma“, sagte die Rothaarige, setzte sich auf den freien Stuhl und deutete auf Arnes T-Shirt. „Tibetaktivist?“

„Hast du die Kraft gespürt?“, fragte Carmen und meinte den Innenhof des Heimatmuseums, das im ehemaligen Sitz des Landvogts untergebracht war. Der Museumswärter hatte allerhand Esoterisches zum Besten gegeben. Die Vorstellung, dass es Orte gab, die Kraft spendeten, ohne dass man dafür etwas tun musste, begeisterte Carmen offenbar.
Castorp klappte seinen Laptop auf und klickte den Internetbrowser an.
Carmen zog sich ins Bad zurück, das Rauschen des Wasserhahns war zu hören.
Castorp tippte auf der Tastatur, bis er Simone, seine Frau, auf dem Monitor sah. Als nebenan das Wasser abgedreht wurde, stellte er den Ton stumm, damit Carmen nicht mitbekam, was er tat.
In Zürich und Schaffhausen hatten sie noch getrennte Hotelzimmer genommen, um den Schein zu wahren. Hier nutzten sie den zweiten Raum, der kein Bad hatte, nur wegen Carmens Gepäck – Castorp würde nie verstehen, warum Frauen für ein paar Tage so viele Kleider mitnehmen mussten.
Simone verschwand vom Bildschirm. Castorp klickte weitere Webcams an, bis er sie wieder sah. In der Küche. Simone beugte sich über die Zeitung. Was sie las, konnte sich Castorp denken.
Kontrolle war ihm schon immer wichtig gewesen. So hatte er nicht nur die Büros der Oppositionsparteien verwanzen lassen, sondern auch Mikros und Minikameras im eigenen Haus angebracht. Eigenhändig. Er konnte jederzeit nach dem Rechten sehen.
„Was machst du da?“ Carmen war unbemerkt zurückgekommen und lugte über seine Schulter.
Hastig versuchte Castorp, das Bildfenster zu schließen. Dummerweise erwischte er den Zoom. Seine Frau in Großaufnahme.
„Du beobachtest ... ausgerechnet Simone? Ich dachte, du interessierst dich nicht mehr für sie!“
„Das stimmt auch, mein Goldschatz.“
Doch Carmen wollte sich nicht beruhigen. Sie stürmte hinaus und ließ die Tür knallen.
Am Kraftort zu viel Energie getankt, dachte Castorp.
Er griff das Handy und wählte seine Privatnummer. Nach dem dritten Klingeln meldete sich Simone.
„Ich vermisse dich, mein Goldschatz“, sagte er.
„Die Zeitungen schreiben nichts Gutes.“
„Ich weiß.“
„Als sei dein Rücktritt nur eine Frage von Tagen.“
„Dann wird das wohl zutreffen.“
„Wo steckst du eigentlich?“
„In der Schweiz, das habe ich dir doch erklärt.“
„Nein, Walter. Hast du nicht.“
„Es geht um meine Abfindung, mein Goldschatz. Für umsonst wird mich die Partei nicht los.“

Max Feist lag auf seinem Bett und dachte an die Millionen, die Walter, sein alter Parteifreund, vorgestern in Zürich abgezweigt hatte. Ein Hund, dieser Walter Castorp.
Wer weiß, ob es herausgekommen wäre, wenn der Treuhänder ihn nicht informiert hätte. Die Kanzlerin hatte getobt. Warum Feist nicht Codenummer und Passwort geändert habe, als er das Amt des Schatzmeisters von Castorp übernommen hatte. Mein Gott, war das lange her.
Fünf Millionen Euro, eine Menge Kohle. Auch für einen Funktionär, dem diverse Pensionen zustanden. Ich sollte mich ebenfalls zur Ruhe setzen, dachte Feist. Der Politzirkus hatte ihn fett und müde gemacht, zum Minister würde er es ohnehin nicht mehr bringen.
Es klopfte.
„Ja!“
Florian Brennecke, der junge Referent aus dem Kanzleramt, trat zögernd ein. Er hielt sich gebeugt, wie es groß gewachsene Männer tun, die lieber kleiner wären.
„Castorp sitzt in der Gaststube“, berichtete Brennecke.
„Und?“
„Die Spezialität scheint Cordon bleu zu sein.“
„Du meinst, wir sollten uns blicken lassen?“
Brennecke zuckte mit den Schultern.
„Mir tun die Füße weh vom Rumlatschen“, sagte Feist und blieb liegen.
„Die paar Hundert Meter?“
„Komm du erst mal in mein Alter.“
Das Handy des Referenten klingelte. Verblüffend schnell bekam es der junge Kerl in die Finger.
„Nein, immer noch Schweiz“, sprach er in das kleine Ding und machte den Rücken noch krummer. „Unser Problemfall hat eine Autopanne.“ Er deckte das Handy ab, fixierte Feist und flüsterte: „Die Kanzlerin.“
Feist setzte sich ächzend auf. Warum nicht Cordon bleu, dachte er.
„Das ist eine sehr gute Idee“, krähte Brennecke ins Mobiltelefon.
Feist wusste, wie sehr es die Kanzlerin hasste, wenn Untergebene sie lobten. Der junge Schleimer hatte noch viel zu lernen.
Brennecke verhedderte sich in Grußformeln, bis er bemerkte, dass die Chefin längst aufgelegt hatte.
„Sie will, dass wir Castorp das Geld abnehmen“, sagte er, als er das Handy wegsteckte.
„Was verspricht sie ihm dafür?“, fragte Feist.
„Brüssel.“
„Sieh an.“
„Hat er das verdient?“
„Zweifelst du an der Chefin?“
„Ich?“
Feist musste lachen, dann sagte er: „Hinterher wird sich die Kanzlerin natürlich nicht mehr an das Versprechen erinnern.“
„Warum weist sie nicht einfach den Zoll an, Castorp das Geld an der Grenze abzunehmen?“
 „Mensch, Brennecke, denk doch mal nach! Dann spräche alle Welt nicht mehr vom Castorp-Skandal, sondern von der Schwarzgeldaffäre unserer Partei. Wir würden auf Jahre keine Wahl mehr gewinnen und könnten uns allesamt die Kugel geben. Willst du das?“
Sie verließen das Zimmer. Feist fand den Lichtschalter und folgte dem Referenten die Treppe hinunter. Ich sollte abspecken, dachte Feist. Vielleicht nur einen Salat bestellen.
In der Gaststube saß Noch-Ministerpräsident Walter Castorp allein an einem Ecktisch, kaute an einem Stück Fleisch und verschluckte sich, als er seine Parteifreunde erkannte.
Feist ging auf ihn zu. „Schön, dich zu sehen, Walter!“ Er dachte an die fünf Millionen. Geld, das es nicht geben durfte. Ein Diebstahl, der keinen Kläger kannte. Was Walter zustande bringt, überlegte Feist, kann ich doch schon lange.

Arne lauerte in seinem Auto und hielt den Ausgang im Blick. In Gedanken legte er sich die Struktur des Artikels zurecht, den sein Blatt am Montag bringen würde.
Er war stolz auf die Details, die er recherchiert hatte. Etwa die Menüfolge des Candle-Light-Dinners in Zürich, das Castorp seiner Büroleiterin nach dem Besuch der Banque Suisse Privée spendiert hatte. Aber für eine Titelgeschichte reichte das noch nicht.
Was der baldige Ex-Ministerpräsident und Ex-Schatzmeister seiner Partei im noblen Bankhaus verhandelt hatte, konnte Arne nur spekulieren. Dass kurz darauf auch zwei Abgesandte der Kanzlerin auf Castorps Fersen waren, legte nahe, dass der Mann nicht im Parteiauftrag gehandelt hatte.
Natürlich konnte Arne eins und eins zusammenzählen und ein politisches Erdbeben wittern, das Castorps Wanzenangriff auf seine Landtagsopposition noch in den Schatten stellen würde. Doch Arne fehlte der Beweis. Er würde sich mit Andeutungen begnügen müssen.
Ein Blick auf die Uhr: Noch zehn Minuten bis zu seiner Verabredung mit der Detektivin. Emma Liebig – seine ersten Recherchen zu diesem Namen hatten nicht viel gebracht.
Sie sei Buddhistin, hatte sie im Weinlokal offenbart. Wegen seines T-Shirts hatte sie in Arne einen Gleichgesinnten vermutet. Er wusste nun, wie er ihr hübsches Gesicht zu zeichnen hatte. Arne freute sich auf das Abendessen. Dass er diese T-Shirts bei einer Pressekonferenz von Exiltibetern abgestaubt hatte, ohne mit deren Religion etwas am Hut zu haben, musste er Emma ja nicht verraten.
Als Arne sich auf den Weg zu seiner Verabredung machen wollte, trat eine blonde Frau aus dem Gasthof. Carmen Markowitz. Ihr dunkles Kleid war ungewöhnlich schlicht, die flachen Schuhe machten kaum ein Geräusch. In der Hand trug sie einen Koffer, dessen Inhalt sie hastig in den Müllcontainer kippte. Dann eilte sie weiter und verschwand im Dunkeln.
Arne nahm die Verfolgung auf.
Die Autowerkstatt. Im Schatten des Gebäudes lief die Frau nach hinten, wo Castorps Mercedes stand.
Arne sah zu, wie sich die Büroleiterin am Wagenheck zu schaffen machte. Dann packte sie prall gefüllte Müllbeutel in ihren Koffer. Da schau an, dachte Arne.

Emma wartete eine halbe Ewigkeit, schließlich bestellte sie ein Cordon bleu. Wo blieb Arne nur? Obwohl sie im gleichen Gasthaus wohnten, hatte der Journalist aus Hamburg es geschafft, sie zu versetzen.
Sie nippte an ihrem Wein. Auch der Politiker im anderen Eck speiste ohne seine Begleiterin, dafür hatten sich die zwei Anzugträger aus Berlin zu Castorp gesetzt und damit ihr Versteckspiel aufgegeben. Arne hatte ihr erklärt, wer die Männer waren: keine Konkurrenz.
Emma hatte ihre Auftraggeberin benachrichtigt. Frau Castorp hatte reagiert wie die meisten betrogenen Gattinnen. Erst ein paar hässliche Schimpfwörter, dann Fragen, auf die Emma keine Antwort wusste: Wozu dieser Trip in die Schweiz, der wie eine Flucht wirkte? Und was für eine verdammte Abfindung hatte ihr Mann gemeint?
Carmen Markowitz betrat die Stube und gesellte sich zu den Männern am Ecktisch, die sich Witze über die deutsche Bundeskanzlerin erzählten.
Beim Essen berechnete Emma, ob ihr Honorar für einen Indienurlaub reichen würde. Dharamsala, wo der Dalai Lama lebte und Audienzen gab. Insgeheim hatte sie sich Free-Tibet-Arne als Reisebegleiter vorgestellt, doch für sein Nichterscheinen gab es Punktabzug.
Sie vertilgte gerade den letzten Bissen, als Arne vor ihr stand.
„Entschuldige“, sagte er.
„Nimm Platz“, antwortete sie kühl.
Die Leute am Ecktisch brachen auf. Die Männer sprachen von einem Verdauungsspaziergang, die Blondgefärbte jammerte über Migräne und verabschiedete sich auf ihr Zimmer.
Kaum waren Castorp und seine Parteifreunde gegangen, stand Carmen Markowitz wieder in der Stube. Sie wirkte nervös und bat die Wirtin, ein Taxi zu bestellen.
„Wohin soll’s gehen?“
„Flughafen Zürich.“
Arne tat, als studiere er die Speisekarte, doch Emma bemerkte, dass auch er lange Ohren machte.
Nachdem die Wirtin aufgelegt hatte, fragte sie: „Soll ich mit dem Gepäck helfen?“
„Nein, danke“, antwortete Markowitz. „Das schaff ich schon selbst.“

„EU-Kommissar?“, fragte Castorp und hielt für einen Moment die Fortsetzung seiner Karriere für möglich.
„Mensch, Walter“, stöhnte Feist.
„Die Kanzlerin denkt eher an einen Posten, der nicht im Licht der Öffentlichkeit steht“, erklärte Brennecke. „Ein Ministerpräsident, der über eine Abhöraffäre stürzt und danach EU-Kommissar wird, wäre den Wählern vermutlich nicht zu vermitteln.“
Castorp wurde laut. „Eines sage ich euch. Wenn ihr mich bescheißt, packe ich aus. Die illegalen Spenden, die schwarzen Konten, die Stiftungen, alles!“
„Mit all dem haben Sie sich strafbar gemacht, Herr Castorp, nicht die Kanzlerin. Sie würden nur sich selbst schaden.“
„Mir egal!“
Die Männer beschleunigten ihren Schritt. Es war kühl geworden. Castorp dachte daran, dass er im schlimmsten Fall für ein Jahr ins Gefängnis wandern würde. Aber die Partei würde die Schwarzgeldaffäre nicht überleben. Ich halte die Fäden in der Hand, sagte sich Castorp. Das Geld und mein Schweigen gegen einen lukrativen Job. Vielleicht sollte ich darauf eingehen.
„Walter, ich hab noch eine andere Idee“, sagte Feist, als sie die Werkstatt erreichten.
„Ich auch“, erwiderte Castorp. „Zum Teufel mit Brüssel. Ich könnte in die Wirtschaft gehen. Als Bahnchef zum Beispiel.“
„Nein, Walter, ich meine das Geld. Lass es uns teilen.“
„Bitte?“, empörte sich der junge Brennecke.
Feist beschwichtigte: „Du kriegst auch was ab, Florian. Es ist genug für uns alle.“
Castorp überlegte für einen Moment, seine Begleiter zu erschlagen, das Geld zu behalten und die Kanzlerin, wenn sie ihm dumm kommen würde, mit seinem Wissen zu erpressen.
Leider hatte er keine Ahnung, wie man zwei Leichen beseitigte.
Er öffnete den Kofferraum und hob die Abdeckung des Reserverads zur Seite.
Der Raum darunter war leer.
„Carmen“, murmelte Castorp.

Keuchend erreichten sie den Gasthof. Castorp spurtete die Treppe hoch und stürmte in sein Zimmer. Es war leer.
Hinter seinem Rücken lief Carmen aus dem Nachbarraum, den Abgesandten aus Berlin direkt in die Arme.
Castorp riss ihr den einen Koffer aus der Hand. Er fummelte an den Verschlüssen und bekam das Ding auf. Kostüme, Schuhe, Wäsche.
Den anderen Koffer wollte Carmen nicht loslassen, doch der ungleiche Kampf dauerte nur Sekunden. Sie starrten in das zweite Gepäckstück.
Es enthielt nichts außer Wolldecken. Zwei dieser filzigen Dinger, die der Gasthof für kalte Winternächte in den Schränken bereithielt.
Carmen raufte sich das Haar.
Castorp schüttelte sie. „Tu nicht so unschuldig! Wo ist das Geld?“
Feist trennte die beiden. Brennecke lief in das Zimmer, um es zu durchsuchen.
„Sag schon!“, knurrte Castorp.
„Keine Ahnung. Hier im Koffer. Dachte ich.“
Castorp schüttelte die Decken aus und schleuderte sie durch den Flur.
Schritte auf der Treppe. Die Wirtin in ihrem Kittel. Verschränkte Arme, strenger Blick. „Ihr Taxi, Frau Markowitz.“
Wie in Trance bückte sich Carmen nach den Koffern. Ohne ein Abschiedswort trottete sie damit nach unten.
Castorp ging in das Zimmer. Brennecke zuckte mit den Schultern. Gemeinsam blickten sie aus dem Fenster.
Das Taxi war ein dunkler Minivan mit Werbung an der Tür. Bevor Carmen einstieg, zog sie Klamotten aus dem Müllcontainer und stopfte sie in den leeren Koffer.

Ein guter Liebhaber, dachte Emma, nur das Bett war etwas schmal. Sie hatte sich an Arne gekuschelt. Vielleicht doch mit ihm nach Dharamsala.
 Dass auch Arne nichts sagte, fand Emma angenehm. Es war ein Schweigen, das nicht peinlich war. Wir haben uns gefunden, dachte Emma. Wie zwei Komplizen.
Kurzzeitig war draußen auf dem Flur Lärm gewesen, Gepolter und Geschrei. Walter Castorp und Carmen Markowitz. Doch Emma kümmerte der Streit des Politikers mit seiner Geliebten nicht mehr. Ihr Auftrag war erledigt, Schnee von gestern.
„Wir könnten gemeinsam nach Indien fliegen“, sagte Arne in die Stille hinein.
Emma lächelte an seiner Schulter. Der Kerl war süß.
„Was ist dein Ziel?“, fragte sie.
„Wie meinst du das?“
„Dein Ziel im Leben. Das, was du anstrebst.“
„Eine Titelgeschichte.“
„Wirklich?“
„Ganz früher wollte ich Karikaturist werden.“
„Und jetzt?“
„Muss ich auf die Toilette.“ Arne machte Anstalten, aufzustehen.
„Die liegt bereits in Indien“, sagte Emma und lachte. „Am Ende des Ganges.“
Der Journalist schlüpfte in seine Unterhose und drückte Emma einen Kuss auf den Mund. „Bin sofort zurück.“
Als er die Tür hinter sich geschlossen hatte, ließ Emma ihren Blick schweifen. Das Zimmer glich ihrem, nur war es besser aufgeräumt. Emma verspürte den Drang, in Arnes Sachen zu stöbern, um sich ein Bild von ihm zu machen. Mit detektivischer Intuition. Erfahrungsgemäß gab ein Kulturbeutel am meisten her.
Unter das Waschbecken war ein weißes Schränkchen gebaut. Emma klappte die Türen auf. Hier lag der Kulturbeutel. Außerdem enthielt der Kasten Ersatzhandtücher aus rotem Frotteestoff.
Und mehrere, prall gefüllte Mülltüten.
Schritte auf dem Gang. Emma schloss den Schrank und kroch rasch zurück unter die Bettdecke.

Im Morgengrauen verließ Arne das Städtchen. Lange vor den anderen Gästen hatte er gefrühstückt, danach die Tüten, die er Carmen Markowitz geklaut hatte, unter die Reserveradabdeckung seines alten Saab gestopft. Emma hatte sich bereits gegen Mitternacht in ihr Zimmer zurückgezogen. Zum Frühstück war sie nicht gekommen. Gut so, dachte Arne.
Es war lange her, dass er sich so glücklich gefühlt hatte wie gestern Abend, als Emma in seinen Armen gelegen hatte. Er hatte ernsthaft daran gedacht, mit ihr in Urlaub zu fahren.
Bei Tageslicht sah manches jedoch anders aus.
Er lebte in Hamburg, sie in Düsseldorf. Seit seiner Scheidung hatte er sich an das Singledasein gewöhnt und seine Schrullen kultiviert. Vermutlich war er zu Kompromissen kaum mehr fähig. Und eine feste Beziehung bestand aus vielen Kompromissen.
Noch ein Kilometer bis zur deutschen Grenze.
Arne dachte an seinen Brötchengeber, der eine gute Story erwartete. Und jetzt fiel ihm die Lösung ein: Er würde eine Art Tagebuch aus Castorps Sicht schreiben. Vier Tage in der Schweiz, während zu Hause seine Reputation vor die Hunde ging und ihm die Geliebte den Laufpass gab. Als Höhepunkt das Treffen mit den Abgesandten der Kanzlerin, die ihm erklärten, dass er bleiben solle, wo der Pfeffer wächst. Der Politiker hatte im Kontrollwahn die Opposition bespitzelt und war nun selbst zum Opfer mutiert. Fast tat Castorp ihm leid.
Es war nicht ganz die Wahrheit, doch die Geschichte würde zu Herzen gehen. Der Henry Nannen Preis könnte drin sein, dachte Arne. Dann fiel ihm ein, dass er keine Auszeichnungen nötig hatte. Wer so viel Geld besaß wie er, brauchte keine Ziele mehr.
Er überquerte die Grenze, ohne einen Zöllner zu sehen. Erleichtert gab er Gas. Dann überlegte er, was er mit dem Geld anfangen würde. Immobilien, ein schönes Leben. Vielleicht würde er eines Tages Emma anrufen.
Sein Handy läutete.
„Ich bin’s“, sagte Emma.
„Gedankenübertragung.“
„Das meinst du nicht ernst.“
Arne fiel ein, dass die Detektivin keinen Grund hatte, ihm irgendetwas zu glauben. Nicht, nachdem er auf diese Art abgehauen war.
„Du hast etwas vergessen“, sagte sie.
„Was denn?“
„Dein Reserverad.“
Sie kann nichts von dem Geld wissen, sagte sich Arne.
„Siehst du den Parkplatz vor der nächsten Kurve?“
„Wo bist du, Emma?“
„Im Auto hinter dir. Ich hab das Rad dabei.“
Ein schwarzer Focus im Rückspiegel. Arne hätte sie vermutlich abhängen können, aber er setzte den Blinker, rollte auf den asphaltierten Platz und stoppte. Emmas Auto kam neben ihm zum Stehen. Sie stiegen aus und musterten sich.
Er öffnete seinen Kofferraum. „Ich muss dir etwas sagen.“
Wortlos sah sie ihm zu.
Arne räumte seinen Gepäckraum leer und klappte den Boden zur Seite. Fünf pralle Beutel. Er legte sie auf das Dach, um Platz für das Reserverad zu schaffen.
„Was willst du mir sagen?“, fragte Emma.
„Dharamsala“, antwortete Arne und hielt inne. „Ich lade dich ein.“
„Ach ja?“
„Du musst wissen, dass ich mir Castorps Geld geschnappt habe. Nur deshalb habe ich mich so klammheimlich aus dem Staub gemacht.“
„Wenn es Castorp gehört, musst du es ihm zurückgeben.“
„Nein, das ist etwas komplizierter. Es ist das Geld seiner Partei. Das heißt, eigentlich ist es das auch nicht, sondern Schwarzgeld, dem deutschen Fiskus hinterzogen, das offiziell gar nicht existiert.“
„Das also dem gehört, der es sich nimmt?“
„Richtig.“ Arne lächelte ihr zu, dann hievte er das Rad aus Emmas Kofferraum in seinen Wagen, räumte sein Gepäck wieder ein und stopfte die Tüten dazu. Bis auf eine, die er aufriss, um Emma seine Beute zu zeigen.
Roter Frotteestoff quoll hervor.
Arne zerfetzte die übrigen Beutel und förderte nichts als Handtücher zutage.
Emma fragte: „Siehst du die Weinkartons auf meinem Rücksitz?“
Arne geriet ins Stottern. „Du hast ...? Wann hast du ...?“
„Während du beim Frühstück warst.“
„Du hättest damit verschwinden können.“
„So wie du.“
„Warum hast du’s nicht getan?“
Statt einer Antwort öffnete Emma ihren Wagen und stellte drei der sechs Kartons vor Arnes Füße.
„Ruf mich an, wenn es dir ernst ist“, sagte sie.
Dann fuhr die Detektivin davon. Arne blickte ihrem Auto hinterher, bis es um die Kurve verschwunden war.
In diesem Moment fiel ihm ein, dass er Emmas Nummer nicht besaß. Er warf die Kartons in sein Auto, stieg ein und raste los, die Verfolgung aufnehmend.
Jetzt hatte er ein Ziel.

ENDE

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