Wege zum Ruhm
Bis jetzt war alles nach Plan gelaufen. Die neue Rolle gefiel ihm: Rechtsanwalt Moritz Wagner, Bote des Oberbürgermeisters und Überbringer einer Kündigung, von der bald die ganze Landeshauptstadt sprechen würde.
Doch als er vor der imposanten Glasfassade der neuen Multifunktionsarena aus seinem Benz stieg, glaubte Wagner, seinen Augen nicht trauen zu können. An den Eingängen hatten sich dubiose Gestalten zusammengerottet, ein paar Dutzend Muskelmänner, die sich in zwei Parteien feindselig belauerten. Kurzhaarschnitt, Springerstiefel, finstere Mienen – als würde jeden Moment ein Bandenkrieg losbrechen.
Die Uniformen wiesen sie als Angestellte verschiedener Sicherheitsunternehmen aus. Die Chefs diskutierten lautstark. Im Hintergrund verteilten Handlanger Baseballschläger und Eisenketten. Ein Kleinbus brachte weitere Männer zur Verstärkung. So weit war es also schon gekommen.
Wagner schloss das Auto ab. Auf dem Weg zum Bürotrakt kam er sich vor wie bei einem Spießrutenlauf. Er zog den Kopf ein, klemmte die Mappe mit dem amtlichen Schreiben fest unter seinen Arm, schwenkte mit der Rechten den Personalausweis und rief den Leuten zu, dass er nur ein einfacher Ratsherr der Stadt Düsseldorf sei – unterwegs in neutraler Mission.
Die eine Fraktion ließ es sich nicht nehmen, ihn trotzdem zu kontrollieren. Als auch die Gorillas des zweiten Trupps seinen Ausweis sehen wollten und die anderen ihnen das Recht dazu absprachen, kam es zur ersten Rangelei.
Mit klopfendem Herzen schlüpfte Wagner durch die Tür. Auf dem Weg nach oben erinnerte er sich an die Pressekonferenz im letzten Monat, als die Eskalation eingeläutet worden war. Er hatte sie bewusst provoziert – ob er bis zuletzt die Kontrolle behalten würde, war ihm ungewiss. Jeder Schritt warf neue Probleme auf, stellte Herausforderungen, auf die ihn weder das Studium der Rechtswissenschaft noch seine zwanzigjährige Berufspraxis als Anwalt vorbereitet hatten.
Aber er hatte Gefallen an dem Spiel gefunden. Seit dem Tag vor zwei Wochen …
»Und wir werden doch noch WM-Austragungsort«, hatte Oberbürgermeister Kroll ihm auf dem Weg zum Sitzungssaal zugeraunt. Der kleingewachsene, kahlköpfige OB reckte siegesgewiss den Daumen nach oben, riss die Tür auf und schaltete beim Anblick der Medienmeute sein berüchtigtes Lächeln ein – jenes Zähnefletschen, welches untrüglich signalisierte, dass mit Dagobert Kroll nicht zu spaßen war.
Wagner bewunderte die Chuzpe des Stadtoberhaupts. Je brisanter die Situation, in die der Verwaltungschef sich und die Stadt manövrierte, desto unbeirrter ritt er seine Attacken gegen mögliche Kritiker – als gäbe es kein Gestern und kein Morgen.
Kroll eilte zum Podium, packte die Mikrofone und bog sie zu sich herunter. Auf seiner Glatze schimmerte Schweiß. Wagner fand einen Platz in der letzten Reihe neben Astrid Cornelius, der Finanzdezernentin der Stadt, die sich das Schauspiel offenbar ebenfalls nicht entgehen lassen wollte.
»Was meinen Sie?«, fragte sie leise. »Wird er den Tag überstehen?«
»Keine Sorge«, antwortete Wagner. Er konnte sich zu den wenigen Beratern zählen, auf die der Verwaltungschef hörte, zumindest gelegentlich. Im letzten Herbst hatte Kroll ihn zum ersten Mal um Hilfe gebeten. Schon damals hatte die neue Arena im Norden der Stadt eine Rolle gespielt – rote Zahlen von Anfang an, Gerüchte um Schiebungen und Korruption, die immer wieder dementiert werden mussten.
»Das Fernsehen ist auch da«, stellte die Finanzdezernentin fest und ordnete ihre kastanienbraune Frisur. »Weit mehr Presse als sonst. Wenn die Reporter aus Köln kommen, weiß ich schon, was die über uns berichten werden.«
Wagner nickte. Nichts Gutes über die Landeshauptstadt und ihre Arena, die an der Stelle des alten Rheinstadions errichtet worden war. Gedacht als Austragungsort der Fußballweltmeisterschaft – zumindest für einige Monate hätte dies die Betreibergesellschaft, an der die Stadt Anteile hielt, aus den roten Zahlen befördert. Und mit den Pachteinnahmen hätten die Kreditkosten bedient werden können, die der Bau aufgetürmt hatte. Zumindest ein Teil davon.
Doch der Zug war längst abgefahren. Auch wenn Kroll notorisch Optimismus versprühte. Wir werden doch noch WM-Austragungsort – Unsinn, wusste Wagner. Er war gespannt, ob sich die auswärtigen Zeitungsleute einlullen lassen würden wie die lokalen Reporter, deren Chefs zu den Golfpartnern des OB zählten oder ihn aus politischen Gründen unterstützten.
Cornelius rutschte auf ihrem Sitz hin und her wie ein Schulmädchen, das dringend zur Toilette musste. »Er wird doch nicht schon wieder ein Gutachten präsentieren?«
»Doch. Klar, wie immer.«
Auf dem Podium kam Kroll gerade zur Sache. Er rückte noch einmal die störrischen Mikrofone zurecht. Wie Wagner es ihm geraten hatte, ging der OB erst gar nicht auf die aktuellen Vorwürfe ein. Die jüngste Expertise prognostizierte wie die bisherigen eine ausreichend hohe Auslastung der Multifunktionsarena. Das neue Argument lautete, dass Düsseldorfs Fußballclub bei Heimspielen für die nötigen Zuschauermengen sorgen würde, obwohl die Fortuna nach wie vor in der Regionalliga kickte.
Die Medienvertreter schienen das zu schlucken. Eins zu null für den Verwaltungschef. Als habe Kroll nicht vor Kurzem noch die drittklassigen Fußballspiele als Hindernis für echte Großevents bezeichnet – mit deren Ausbleiben musste Kroll die Hoffnungen der Stadt eben neu definieren.
Und wer von den Pressefritzen ahnte schon, dass der Gutachter mit Krolls Schwester liiert war – der OB hatte höchstpersönlich den Inhalt diktiert.
»Wie wirkt sich die Insolvenz des Baukonzerns Werner-Bau aus?«, fragte eine Rundfunktante und kam sich dabei kritisch vor.
Wagner wusste, dass dieser Einwand das passende Stichwort für die Nachricht des Tages war. Werner-Bau hatte bislang die Mehrheit gehalten, sowohl an der Arena als auch an der Betreibergesellschaft. Der Konzern als Auftraggeber und ausführendes Unternehmen zugleich – dieser Umstand hatte das Kostenvolumen explodieren lassen, aber die Insolvenz des maroden Bauriesen nicht verhindern können. Andere Firmen hätten vielleicht seriöser gearbeitet. Aber sie hatten Krolls Bedingungen nicht akzeptiert.
»Gar nicht«, erwiderte der OB, ließ die Zähne blitzen und blickte sich triumphierend im Saal um. »Wir haben bereits einen Käufer für die Anteile von Werner-Bau. Es handelt sich um Flemming-Entertainment aus Wuppertal, ein Unternehmen, das auf dem Gebiet des Veranstaltungsmanagements einen tadellosen Ruf besitzt. Flemming wird die mehrheitlichen Anteile sowohl an der Arena als auch an der Betreibergesellschaft übernehmen und damit sämtliche Verbindlichkeiten. Gestern habe ich den Vertrag perfekt gemacht. Flemming wird die Arena ganz in unserem Sinn führen, ohne dass der Stadt irgendwelche Risiken entstehen.«
Wagner lehnte sich zufrieden zurück. Die Pressekonferenz verlief nach Fahrplan. Die letzten Zweifel an der Zukunft der Arena schienen ausgeräumt. Wagner selbst hatte den Kontakt zu Flemming hergestellt, seinem alten Freund aus Schulzeiten.
Das Zugeständnis an Flemming bestand in einer Stundung der Pacht für die ersten zwölf Monate. Die Stadt hatte ihm also die Arena für ein Jahr geschenkt. Aber das musste man der Öffentlichkeit nicht auf die Nase binden.
Dass sich Flemming-Entertainment zuversichtlich gab, ab dem zweiten Jahr Gewinn zu erwirtschaften, hatte selbst Kroll erstaunt. Aber der OB war kein Mann, der sich lange mit Zweifeln aufhielt. Hauptsache, er und die Stadt waren aus dem Schneider. Wagner spürte noch immer einen leichten Kater vom Schampus, mit dem sie den Vertrag begossen hatten.
Mit einem Taschentuch tupfte sich Kroll den Schweiß von der Glatze. Er bog die Mikros noch weiter nach unten und malte der Presse in leuchtenden Farben das Bild vom Weltniveau, auf das eine ausgebuchte Arena die Landeshauptstadt endgültig heben würde.
Doch dann kam er wieder mit seiner ominösen Ankündigung: »Außerdem gibt es konkrete Chancen, dass wir doch noch WM-Austragungsstadt werden.«
Ein Raunen ging durch den Saal. Immer muss Kroll es übertreiben, dachte Wagner. Auch die Finanzdezernentin in ihrem grauen Hosenanzug wurde wieder nervös.
Der Oberbürgermeister erklärte: »Sie wissen um das Hickhack in Hamburg. Die FIFA bleibt bei ihrer Ablehnung der AOL-Arena, denn AOL zählt bekanntlich nicht zu den FIFA-Sponsoren.«
Wagner rieb sich die Augen. Er spürte, dass niemand Krolls Optimismus teilte.
»Und falls es dort zu einer Lösung kommt, wie in Köln, wo der Name RheinEnergieStadion für die Zeit der WM gestrichen wird?«, fragte ein Reporter des Blitz.
Kroll hörte nicht auf, seine Zähne zu zeigen. »Für diesen Fall hat mir Franz Beckenbauer persönlich einen Ausgleich in Form von Länderspielen zugesagt.«
Wagner wandte den Blick ab. Er spürte, dass er die Show nicht länger ertrug, und fingerte eine Zigarette aus der Schachtel.
Kroll spielte den letzten Trumpf aus. Mit leuchtenden Augen verkündete er: »Und im Dezember wird Paul McCartney mit seiner Band in der Arena auftreten. Flemming-Entertainment hat mir das zugesichert.«
Wieder wurden die Zuhörer unruhig, diesmal jedoch aus staunendem Interesse. Finanzdezernentin Cornelius wusste es besser und stöhnte kurz auf.
Wagner verließ den Saal. Noch während er das Rathausfoyer durchquerte, zündete er den Glimmstängel an. Er trat ins Freie, inhalierte tief und versuchte, sich zu entspannen.
Düsseldorf hatte seinen Ausgleich für die entgangene Weltmeisterschaft längst vom DFB erhalten – das Match gegen Argentinien zur Arena-Eröffnung im letzten Jahr. Und Paul McCartney hatte einen Dumpingpreis ausgehandelt, um überhaupt in Düsseldorf aufzutreten. Selbst bei ausverkaufter Spielstätte würde das Konzert ein Verlustgeschäft werden. Es gab zu viele Arenen in dieser Region.
Wagners Blick fiel auf das Reiterstandbild des Kurfürsten Johann Wilhelm, den die Düsseldorfer Jan Wellem nannten. Laut Sockelinschrift war die mächtige Bronzestatue ein Geschenk dankbarer Bürger. In Wirklichkeit hatte sie der Barockregent selbst in Auftrag gegeben und die Steuern erhöht, um die Kosten stemmen zu können.
Eine Farce, dachte Wagner. Und OB Kroll war in der Lage, sie noch zu übertreffen. Nur gut, dass kein Außenstehender alle Machenschaften und Vertragsdetails rund um den Luxuskasten im Düsseldorfer Norden kannte.
Wagner musste husten, trat die Zigarette aus und blickte den Medienleuten nach, die das Rathaus verließen. Die Pressekonferenz war vorüber.
In diesem Moment schrillte Wagners Handy.
Es war der Oberbürgermeister. »Du musst mir helfen«, bellte er.
»Was ist los?«
»Flemming rief gerade an. Er verlangt Einblick in die Bücher! Das müssen wir um jeden Preis verhindern, verstehst du?«
Wagner verstand.
Kroll schnupperte am Cognac und ließ ihn im Glas kreisen. Es war bereits sein dritter. Der kleine Mann versank immer tiefer im Sessel. So hatte Wagner ihn noch nie erlebt. »Am liebsten würde ich alles hinwerfen«, knurrte der OB leise. »Mich aus dem Staub machen. Brasilien wäre nicht schlecht.«
Wagner beendete sein Telefonat und schlug die Gemeindeordnung auf. »Und dein Denkmal?«, erwiderte er. »Die Sockelinschrift der dankbaren Bürger?«
»Wovon redest du?«
»Hör zu, ich weiß einen Ausweg.«
Doch Kroll schien sich nur noch für den Cognac zu interessieren, den er in seinen Schlund kippte. Wagner nahm ihm die Flasche weg und begann zu erklären.
Die Stadt besaß das Vorkaufsrecht für sämtliche Anteile der Pleite gegangenen Werner-Bau an der Arena. Wenn sie das Recht wahrnahm, musste sich Flemming mit seiner Rolle als Mehrheitseigner der Betreibergesellschaft begnügen. Und ihr konnte die Stadt als Arenabesitzer im nächsten Schritt den Pachtvertrag kündigen.
Einblick in die Bücher – das Thema wäre vom Tisch.
»Und die Schulden?«, fragte der OB. »Wenn die Stadt den Mehrzweckklotz übernimmt, muss sie auch für die Baukosten geradestehen. Die Beseitigung des einen Problems schafft nur ein noch größeres.«
»Seit wann stört dich das?«
»Unser Koalitionspartner wird das nicht mittragen. Allein kriegen wir das niemals durch.«
Aber auch dafür wusste Wagner eine Lösung. Im Hauptausschuss genügten die Stimmen ihrer Partei für eine Mehrheit. Und bei großer Dringlichkeit durfte dieser Ausschuss entscheiden. Bis zur nächsten Ratssitzung würde die Verwaltung Fakten geschaffen haben, der Coup wäre bereits besiegelt. »Alles nur eine Frage des Timings«, sagte Wagner.
Mit Schwung stellte Kroll sein leeres Glas ab. »Du bist ein Genie, mein Lieber.«
Auch eine solche Vertraulichkeit hatte der OB ihn noch nie spüren lassen. Wagner vermutete, dass es am Alkohol lag, dass der Verwaltungschef ihn nicht fragte, wie er die Dringlichkeit im Hauptausschuss begründen solle. Und wer statt Flemming-Entertainment die Arena pachten solle, ohne ebenfalls die Bücher studieren zu wollen.
Doch er hatte Kroll unterschätzt. Die Zähne zeigend, griff der OB nach dem Telefonhörer und sagte zu Wagner: »Die D-Projekt-GmbH wird unser neuer Betreiber. Der Direktor ist einer meiner Golfkumpel. Wir hätten das von Anfang an so machen sollen.«
Jetzt war es an Wagner, dem OB Genialität zu attestieren. D-Projekt war eine Tochter der Messegesellschaft, die wiederum von der Stadt kontrolliert wurde. Keiner würde Kroll in Zukunft in die Suppe spucken. Nicht die Stadt würde für künftige Verluste aufkommen müssen, sondern eine private Firma. Dass sie letztlich wiederum der öffentlichen Hand gehörte, stand auf einem anderen Blatt.
Als Wagner das Büro verließ, war der OB bereits wieder ganz der Alte.
Am übernächsten Donnerstag trat turnusmäßig der Hauptausschuss zusammen. Unmittelbar nach der Sitzung kutschierte Wagner die Finanzdezernentin zum Notar, um den Arena-Deal perfekt zu machen.
Stille im Benz, keiner sagte ein Wort. Es hatte den erwarteten Eklat gegeben.
Wagner schaltete das Autoradio ein. Die Nachrichten machten mit dem Bruch der Düsseldorfer Ratskoalition auf. Die Partei des OB habe die anderen Fraktionen brüskiert und den Kauf der Sportstätten-Anteile durchgesetzt. Nun würde die Stadt auf dem Klotz sitzen und damit auf den Zinslasten, die ein Kredit in Höhe von 218 Millionen Euro nun einmal mit sich brachte. Bauträger Werner-Bau hatte nie eigenes Kapital aufgewandt.
»Wann war Ihnen klar, dass es so weit kommen würde?«, wollte Astrid Cornelius wissen, als die Meldung gesendet war.
Wagner fragte sich, wie ehrlich er seiner Beifahrerin gegenüber sein durfte. Die Finanzdezernentin war eine alte Parteifreundin. Aber was hieß das schon in Krisenzeiten?
Cornelius antwortete selbst: »Ich ahnte es von Anfang an. Werner-Bau stand schon zu Planungsbeginn am Rand der Pleite. Wenn der OB nicht auf dem großen Schiebedach bestanden hätte, hätten uns ganz andere Optionen offen gestanden.«
»Sie kennen den Satz vom Kind und dem Brunnen.«
»Klar, jetzt lässt sich das nicht mehr rückgängig machen. Aber warum müssen wir Flemming-Entertainment kündigen, keine zwei Wochen nachdem wir den Pachtvertrag unterschrieben haben?«
»Weil wir das gerade so beschlossen haben. Sie haben doch gehört, was der OB diesem Wuppertaler Unternehmen vorwirft. Unfähigkeit, Missmanagement …«
»Ja, aber das wird teuer.«
»Die Arenaverluste?«
»Sowieso, davon rede ich gar nicht. Ich meine Flemming. Den kriegen wir nur gegen eine dicke Abfindung aus dem Vertrag.«
Darüber hatte Wagner auch schon nachgedacht. Er fragte: »Haben Sie mit dem OB darüber gesprochen?«
»Über die Abfindung? Natürlich.«
»Und wie weit würde die Stadt gehen?«
Cornelius zögerte. Dann sagte sie: »Hm, ehrlich gesagt, habe ich seit einiger Zeit ein ungutes Gefühl.«
»Inwiefern?«
»Glauben Sie, dass Kroll noch der Richtige für unsere Stadt ist?«
Flemming rein, Flemming raus. Vermeintliche Rettung, Katzenjammer und wieder Licht am Horizont. Kroll, der unverbesserliche Düssel-Napoleon, Hütchenspieler und Lichtgestalt zugleich – die Winkelzüge der letzten Wochen schwirrten Wagner durch den Kopf, als er einen Tag später den Stadtteil Stockum im Norden ansteuerte. In seiner Mappe das entscheidende Schreiben: Der Arenabesitzer kündigte dem Arenabetreiber.
Für einen Moment dachte Wagner, wie schön es wäre, tatsächlich die Fußball-WM zu Gast zu haben. Er schalt sich einen Träumer und brachte seinen Mercedes vor dem Koloss aus Beton und Glas zum Stehen. Dann sah er die Bescherung.
Wütende Schlägertrupps. Blaue Uniformen, Springerstiefel und finstere Mienen. Ein drohender Bandenkrieg. Jeden Moment würden die Kerle übereinander herfallen …
Wagner war froh, als er endlich unbeschadet die Treppe des Bürotrakts emporsteigen konnte. Jürgen Flemming empfing ihn im Chefzimmer. Ein Kerl mit sonnigem Gemüt, auf rätselhafte Weise jung geblieben, vielleicht trieb Flemming Ausdauersport. Die Einrichtung des Raums war noch die gleiche wie zu Zeiten von Werner-Bau. Pläne an der Wand, ein Modell in der Vitrine. Rechner, Monitore, Faxgerät, Kopierer. Nichts hatte sich in den letzten Wochen verändert.
Wagner legte den Aktenkoffer auf den Tisch, entnahm den Kündigungsbrief und fragte: »Was zum Teufel ist da unten los?«
Flemming machte ein sorgenvolles Gesicht und rieb sich den Schnurrbart. »Ich habe kein Vertrauen mehr zu Fichte-Security. Der Streit um die Unterlagen, verstehst du? Womöglich stehen die Fichte-Leute unter Krolls Einfluss und warten nur auf eine Gelegenheit, hier die Computer rausschleppen zu können. Ist doch möglich, oder?«
»Kroll ist alles zuzutrauen.«
»Eben. Deshalb habe ich neue Leute engagiert. Aber das Sportamt, das hier ein paar Büros gemietet hat, will sich weiter von der alten Mannschaft bewachen lassen. Fichte-Security gegen meine Leute, darauf läuft’s hinaus. Und hinter dem Sportamt steckt Kroll.«
»Vielleicht kommt uns der Truppenaufmarsch sogar entgegen.«
»Wie viel ist die Stadt bereit zu zahlen?«
»Drei Millionen. Aber von mir weißt du das nicht.«
Flemming lachte und las das Schreiben der Stadt. Er warf es zurück auf den Tisch. »Euer OB hält sich für den Sonnenkönig. Weißt du was? Auf dem Weg hierher fahre ich jedes Mal an einem Bauschild vorbei. Normalerweise heißt es da: Hier baut die Landeshauptstadt Düsseldorf und so weiter. Aber ihr schreibt auf eure Schilder: Hier baut der Oberbürgermeister der Landeshauptstadt Düsseldorf, Dagobert Kroll. Unglaublich, nicht wahr?«
Wagner dachte wieder an die Sockelinschrift des Jan-Wellem-Denkmals.
»Drei Millionen also«, wiederholte Flemming. »Was meinst du?«
Wagner deutete ein Kopfschütteln an. Die Stadt würde deutlich mehr lockermachen müssen.
»Einige der alten Mitarbeiter haben übrigens geredet«, berichtete Flemming. »Und ich hab ein paar Unterlagen gefunden. Dateien im Rechner und so. Die Arena stinkt von oben bis unten. Damit der Rahmen von 218 Millionen für die reinen Baukosten eingehalten werden konnte, musste die alte Betreibergesellschaft den kompletten Innenausbau auf ihre Kappe nehmen. Inklusive des sündhaft teuren Schiebedachs.«
»Ich weiß.«
»Es wird gemunkelt, dass sich an diesem speziellen Extra ein Planungsbüro gesundgestoßen hat, das einem Vetter eures famosen OB gehört. Die Anforderung für das Dach wurde von der Stadt so formuliert, dass zufällig nur dieses eine Büro infrage kam. Und das ist nur die Spitze des Eisbergs. Die verschwundenen Belege – wenn die auftauchten, wären sie ein gefundenes Fressen für jeden Korruptionsermittler. Weißt du was?«
»Nein.«
»Eigentlich gehört das Schiebedach jetzt mir. Was meinst du, wie viel es wert ist?«
»Ich glaube nicht, dass du so argumentieren kannst.«
»Arena, Baufirma, Stadt, Betreibergesellschaft – alles ist über weitere GmbHs miteinander verflochten. Gegen diese Konstruktion war das Fernseh-Imperium von Leo Kirch nur ein Spielzeugladen. Und kein Vorstand oder Verwaltungsrat, in dem euer Sonnenkönig nicht das Sagen hat. Von der Sparkasse bis zum Fußballclub.«
Wagner zuckte mit den Schultern. So war das nun mal.
Von unten schallten Rufe herauf.
Flemming drängelte: »Mensch, Moritz, jetzt sag endlich: Wie viel an Abfindung ist für uns drin?«
Der Lärm wurde lauter. Wagner öffnete die Tür und peilte die Lage. Er antwortete: »Setz auf Zeit, Jürgen. Pokere noch ein wenig. Das Potenzial der ganzen Farce ist noch nicht ausgereizt. Ich sage nur: die Medien. Spott und Häme gegen die Stadt. Die Eskalation des Wahnsinns.«
»Was heißt das konkret?«
»Leg Einspruch gegen die Kündigung ein und kündige deinerseits dem Sportamt. Fristlos und unverzüglich. Und lass deine Gorillas endlich die von Fichte-Security rauswerfen.«
»Rauswerfen?«, echote Flemming erstaunt.
»Wegen Gefährdung der Sicherheit. Was Kroll kann, kannst du schon lange.«
Flemming leckte sich die Lippen. »Du bist genial«, sagte er und griff zum Telefon.
»Ich weiß«, antwortete Wagner.
Das Blutbad auf dem Gelände der Multifunktionsarena war sogar der überregionalen Presse eine Meldung wert. Fünfundzwanzig Verletzte, einige davon schwer, darunter auch zwei Polizeibeamte, die zum Schlichten herbeigeeilt waren. Erst eine Hundertschaft Bereitschaftsbullen hatte die Schlägerei beenden können.
Die Tagesthemen zeigten Bilder eingeschlagener Scheiben und von Blutpfützen auf dem Arenavorplatz sowie Aufnahmen aus dem Krankenhaus. Im O-Ton bezichtigte Jürgen Flemming den Düsseldorfer Oberbürgermeister des Vertragsbruchs.
Während der folgenden Tage überschlugen sich die Medien mit Anschuldigungen gegen das »gescheiterte Renommierobjekt« und den »Größenwahn der Stadtverwaltung«.
Es wurde eng für OB Kroll.
Schließlich trat der Rat der Stadt zusammen. Im Unterschied zum Hauptausschuss besaß Krolls Partei hier nicht die Mehrheit. Erwartungsgemäß stimmte der bisherige Koalitionspartner mit der Opposition gegen den Kauf der Arena-Anteile. Doch der OB gab sich unbeeindruckt und erklärte den Beschluss kurzerhand für ungültig.
Am nächsten Tag erwirkte er im Namen der Stadt vor Gericht eine einstweilige Verfügung gegen Flemming-Entertainment, wonach die Firma ihre Büros im Arenagebäude räumen musste. Die Fronten verhärteten sich weiter – Wagner hatte mit nichts anderem gerechnet.
Konzertveranstalter Flemming bestand auf Vertragserfüllung, drohte mit Prozessen sowie der Annullierung des PaulMcCartney-Auftritts. Er hatte erfahren, dass über seinen Vorgänger Werner-Bau Millionensummen an den Fußballclub Fortuna geflossen waren, um dem Regionalligisten auf die Beine zu helfen und ihn in die zweite Liga zu befördern. In weiteren Interviews zog Flemming daraus den Schluss, dass die Arena längst ein profitables Unternehmen wäre, wenn die alte Betreibergesellschaft das Geld vernünftiger investiert hätte. Natürlich war dies reine Spekulation, aber Flemming musste unvermindertes Interesse an der Veranstaltungsstätte demonstrieren, um die Abfindungsansprüche weiter hochzujubeln.
Fast wäre er mit seinem Wissen um die Schiebedach-Schiebungen zum Staatsanwalt gelaufen. Aber davon konnte Wagner ihn gerade noch abhalten. »Lass uns auf dem Teppich bleiben«, beschwor der Anwalt seinen Schulfreund. »Für die Wahrheit können wir uns nichts kaufen.«
Eine Woche später war das Büro im ersten Stock der Arena bis auf einen nackten Tisch leer geräumt. Kein Drucker, kein Kopierer, nicht einmal mehr das Telefon. Flemming und die Finanzdezernentin der Stadt Düsseldorf beugten sich über das mehrseitige Schriftstück und gingen die einzelnen Punkte der Abfindungsvereinbarung durch.
Wagner blickte aus dem Fenster. Draußen luden Umzugspacker Möbel und Bürogeräte in große Lastwagen. Jürgen Flemming ließ alles nach Wuppertal schaffen, was nicht niet- und nagelfest war.
Schließlich setzten Cornelius und Flemming ihre Unterschrift unter das Dokument und besiegelten die Summe – das Zehnfache des ursprünglichen Angebots.
Dreißig Millionen Euro.
Ein Klacks im Vergleich zu dem, was hier fehlinvestiert und vermurkst worden ist, dachte Wagner und ließ seinen Blick hinüber zur benachbarten Messe schweifen, deren Tochterfirma nun für die Spielstätte zuständig sein würde. Ein Satz des Oberbürgermeisters ging ihm durch den Kopf: Wir hätten das von Anfang an so machen sollen. Wer weiß, wer dann abgesahnt hätte.
Die Finanzdezernentin räusperte sich zum Zeichen, dass sie aufbrechen wollte. Wagner verabschiedete sich mit Handschlag und einem verstohlenen Augenzwinkern von seinem Freund. Für den Sommer hatten sie eine Segeltour verabredet – aber das brauchte in Düsseldorf niemand zu erfahren.
Flemming lächelte immer breiter. Als wolle er sie zusätzlich ärgern, fragte er die Dezernentin: »Stimmt es, dass Ihr Oberbürgermeister ganz plötzlich untergetaucht ist?«
Cornelius verweigerte die Antwort. Wagner begleitete sie nach unten und bot ihr an, sie zurück zum Rathaus zu fahren. Er drehte den Zündschlüssel, mit dem Motor sprang das Radio an. Die Meldung, dass Kroll verschwunden war, hatte bereits in die WDR-Nachrichten gefunden.
Noch beim ersten Satz beugte sich Cornelius vor und schaltete die Radioanlage aus.
Als sie das Stadtzentrum erreichten, brach die Dezernentin das Schweigen. Sie zupfte ihr graues Jackett zurecht und sagte: »Auch wenn letztlich nicht alles hundertprozentig nach Wunsch verlief, sind wir Ihnen doch zu großem Dank verpflichtet, Herr Wagner.«
»Nicht der Rede wert, Frau Cornelius. Man hilft, wo man kann.«
»Die Stadt ist aufgrund Ihrer Mithilfe diesen unseriösen Veranstaltungsmanager losgeworden, und das ist die Hauptsache. Düsseldorf kann es sich nicht leisten, den Ruf der Arena zu beschädigen.«
Wagner stimmte seiner Beifahrerin zu.
Er hielt vor einer roten Ampel, blickte einem Flugzeug hinterher, das am Himmel seine Bahn zog, und dachte an sein Konto in der Schweiz. Seine Hälfte, fünfzehn Millionen. Er hatte seinen Wuppertaler Kumpel nur deshalb in die Betreibergesellschaft geholt, weil er sich sicher gewesen war, dass der Vertrag platzen würde, sobald Flemming Einsicht in die Geschäftsunterlagen der Arena verlangte. Und die Abfindung zu teilen war sein Deal mit dem Schulfreund gewesen.
Dass sie so hoch ausfallen würde, hatte Wagner damals nicht geahnt.
Seine Beifahrerin fuhr fort: »Was die Partei allerdings maßlos ärgert, ist Krolls Verhalten. Verstehen Sie den Kerl?«
»Nein.«
»Ich habe mit seiner Frau telefoniert. Angeblich ist selbst sie überrascht. Wussten Sie von Krolls Fluchtplänen?«
»Er hat mal so etwas angedeutet, aber nie im Leben hätte ich gedacht, dass er es wahr macht.«
»Damit lässt er sämtliche Gerüchte wieder aufleben. Wie kann er uns nur so im Stich lassen? Wohin ist er überhaupt geflohen?«
»Brasilien, glaube ich.«
Cornelius spielte nervös mit einem dicken Ring an ihrer Rechten. »Wird er damit nicht schlafende Hunde wecken? Das wirkt doch wie ein Schuldeingeständnis. Womöglich wird die Staatsanwaltschaft Lunte riechen und sich für die Arena interessieren!«
»Wohl kaum«, antwortete Wagner. »Die halbe Justizbehörde spielt Golf oder Tennis mit Kroll.«
Die Dezernentin ließ ein grimmiges Lachen hören. Dann sagte sie: »Die Nachfolgefrage muss jedenfalls so rasch wie möglich geregelt werden.«
»Klar.«
»Wir haben an Sie gedacht, Herr Wagner.«
»Bitte?«
Hinter ihnen ertönte ein Hupen. Wagner nahm wahr, dass die Ampel auf Grün geschaltet hatte. Er beschleunigte. Sich am Lenkrad festhaltend, versuchte er, die Neuigkeit zu verdauen.
»Ich muss mich erst mit meiner Frau beraten«, sagte er.
»Natürlich.«
»Und prüfen, wie ich das mit meiner Kanzlei vereinbaren kann.«
»Wir sind uns sicher, dass Sie das hinkriegen, Herr Wagner.«
Als sie ein paar Minuten später auf dem Kopfsteinpflaster des Marktplatzes hielten, fragte Cornelius: »Spielen Sie ebenfalls Golf? Ich meine … Sie wissen schon. Wie Kroll.«
»Nein. Weder Golf noch Tennis.«
Die Dezernentin nickte. »Sehr gut. In Zukunft muss unsere Stadt korrekt geführt werden. Keine Mauscheleien, keine Tricksereien. Angesichts der geplanten Großprojekte können wir uns das nicht leisten. Nicht einmal den Anschein davon.«
»Das sehe ich genauso.«
Sie gaben sich die Hände, fest und entschlossen. Cornelius stieg aus, trippelte am Reiterstandbild des Kurfürsten vorbei und winkte noch einmal, bevor sie im Rathaus verschwand.
Moritz Wagner atmete tief durch und blinzelte Jan Wellem zu. Ein stolzer Regent auf hohem Ross. Und eine Sockelinschrift, die vom Ruhm des Fürsten und der Dankbarkeit seiner Untertanen kündete.
In diesem Moment schoss Wagner eine Vision durch den Kopf – seine erste Amtshandlung als Oberbürgermeister dieser großartigen Stadt: ein Anruf bei »Kaiser« Franz Beckenbauer, dem Chef des WM-Organisationskomitees.
Wagner legte sich die Argumente zurecht: die Verkehrsanbindung, die Weltoffenheit der Bürger und die kostspieligste Spielstätte der gesamten Region. Der Zug war tatsächlich noch nicht abgefahren. Bis zum Beginn der Spiele ließ sich einiges bewegen.
Die unvergessenen Worte seines Vorgängers: Und wir werden doch WM-Austragungsort.
ENDE
Anmerkung: Die Geschichte beruht zum Teil auf realen Begebenheiten. Der damalige Düsseldorfer Oberbürgermeister fühlte sich gemeint und reagierte mit dem Verbot einer Lesung - ein bundesweit beachteter und belächelter Skandal. Näheres dazu hier.
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