Weil die Welt nicht heil ist

Was macht gute Unterhaltung aus?

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Preisträgerinnen,

zum siebten Mal wird heute der Moerser Literaturpreis verliehen. Was heißt verliehen. Das Preisgeld dürfen die Sieger natürlich behalten.

Es geht um Nachwuchsförderung und dahinter steckt die Hoffnung, die entdeckten Talente zum Weitermachen anzustacheln. Und nach der Lektüre der drei Texte kann ich mich dieser Hoffnung nur anschließen.

Für mich gibt es nichts schöneres, als Geschichten zu erfinden und in Sprache zu kleiden. Ganze Welten zu schaffen, in denen sich Konflikte zuspitzen und Menschen in die Abgründe der Gesellschaft und ihrer eigenen Seele schauen. Deshalb schreibe ich Kriminalromane.

Genauso schön kann es sein, eine gute Geschichte, die gut geschrieben ist, zu lesen. Das muss kein Krimi sein. Aber es muss um etwas gehen, und zwar um etwas möglichst Wichtiges, das mich als Leser berührt, mir etwas über das Leben sagt, vielleicht sogar über mein eigenes, auch wenn der Autor, die Autorin, möglicherweise nur an sich gedacht hat.

In den drei Erzählungen, die heute ausgezeichnet werden, geht es um sehr viel. Sie handeln von der Liebe, vom Sich-Finden in einer Großstadt, vom Sinn des Lebens überhaupt. Es geht um Fragen, die uns nicht kalt lassen, weil wir sie uns in der einen oder anderen Art vielleicht selbst einmal gestellt haben oder sogar immer wieder stellen.

Beim Lesen ist mir aufgefallen, dass auf diese Fragen keine endgültigen Antworten geboten werden. Das mag ich auch im Krimi nicht, wenn am Schluss der Mörder gefasst ist und die Welt angeblich heil. Die Welt ist nicht heil. Und die Liebe kann zerbrechlich sein, das Sich-Finden ziemlich schmerzhaft und den Sinn des Lebens muss sowieso jeder für sich selbst ergründen.

Vielleicht schreiben wir genau deshalb. Weil die Welt nicht heil ist. Weil wir etwas zu verarbeiten haben. Weil wir der Frage nachgehen wollen, warum etwas immer wieder zerbrechlich oder schmerzhaft ist. Und aus dem gleichen Grund lesen wir so gern, ist Literatur für uns so spannend.
 
Sollte dennoch ein Autor die Antwort auf all unsere Fragen anbieten, dann seien Sie vorsichtig, meine Damen und Herren. Denn Schriftsteller lügen. Es ist unser Beruf. Wir lügen, weil wir etwas Erfundenes präsentieren, als sei es wirklich geschehen.

Das heißt aber nicht, dass unsere Phantasiegebilde nicht zugleich auch einen wahren Kern hätten. Dann nämlich, wenn es so hätte geschehen können. Nicht nur, weil die geschilderten Details stimmen, sondern vor allem weil es die Gefühle, die Gedanken und Konflikte tatsächlich gibt. Das macht unsere Lügen wahrhaftig und interessant.

Das erreichen wir nur, wenn die Welt, die wir auftischen, einer präzisen Beobachtung des wirklichen Lebens entspringt. Und wenn wir unsere Geschichten auf eine neue Art formulieren, mit eigenen Worten, möglichst weit vom Klischee entfernt. Klischees langweilen, und eins ist in der Literatur bei Höchststrafe verboten, ob Krimi oder nicht: Langeweile zu produzieren.

Lassen Sie mich an dieser Stelle ein paar Sätze zum Stellenwert der Unterhaltung sagen. Denn ich finde, dass Unterhaltung nicht nur in meinem Genre, der Kriminalliteratur, eine zentrale Rolle spielt.

Literatur kann mehr sein als Unterhaltung, sie soll es sogar. Sie darf auf mich nicht belehrend wirken - dagegen bin ich allergisch - aber sie sollte mir Einsichten und Erkenntnisse verschaffen, mir Einblicke eröffnen, die ich vorher nicht hatte oder die mir nicht bewusst waren. Aber wenn uns ein Buch dabei langweilt statt zu unterhalten, dann hat es seinen Zweck verfehlt. Das Leben ist zu kurz, um Bücher zu lesen, durch die man sich quälen müsste.

Den Begriff Unterhaltungsliteratur verstehe ich deshalb ganz und gar nicht. Denn gute Literatur ist immer auch unterhaltsam. Sicher gibt es unterschiedliche Niveaus von Unterhaltung, und das ist gut so, weil jeder von uns nach seinem Bedürfnis die Lust am Lesen spüren will.

Was macht nun gute Unterhaltung aus? Um spannend zu sein, um die Leser zu packen, braucht eine Geschichte nicht immer Mord und Action. Sie kann meinetwegen ausschließlich aus Gedanken bestehen. So lange der Autor uns etwas zu sagen hat.
 
Damit sind wir nun wieder bei den Fragen, die uns auch im Leben umtreiben. Wir wollen beim Lesen Unerhörtes miterleben und in Abgründe schauen. Wir wollen auch die Schattenseiten des Lebens wiedererkennen, unsere eigenen Probleme mit der Liebe, dem Tod, der Frage, welchen Sinn das Ganze überhaupt hat. Es geht um die Risiken und Nebenwirkungen des Lebens.

Das klingt nun vielleicht etwas düster, wenn ich davon rede, dass Liebe zerbrechen kann und dass das Leben schmerzhaft sein kann. Und zugegeben, als Krimiautor mag ich es gern dramatisch und aufregend.

Aber wir lieben auch die heiteren Geschichten, die subtilen und ironischen Töne. Das Leichte oder das Nachdenkliche, manchmal auch das Sentimentale. Wir werden gleich ganz unterschiedliche Stilrichtungen zu hören bekommen. Und wir werden erleben, dass alle drei Preisträgerinnen dabei die richtigen Wörter gefunden haben.

Damit komme ich zum Stellenwert der Sprache. Neulich hörte ich im Radio eine Rezension, in der es hieß, das Thema des Romans, der da besprochen wurde, sei die Sprache. An dem Punkt war für mich klar, dass ich das Buch nicht lesen muss. Es würde mich langweilen.

Klar, auf die Sprache kommt es an. Für mich muss sie so knapp wie möglich und trotzdem exakt sein, alle Sinne ansprechen und den Film im Kopf des Lesers abspielen. Wörter dürfen nicht beliebig fallen. Das tun sie in der Umgangssprache schon zur Genüge. In der Literatur muss jedes Wort seinen Sinn haben.

Deshalb stört es mich ungemein, wenn sich der Wille zum Stil in den Vordergrund drängt. Wenn die Sprache ausufert, maniriert und künstlich wirkt. Wenn sie daherkommt, als sei sie Selbstzweck. Die Sprache transportiert die Geschichte. Sie kann sie nicht ersetzen.

Auch deshalb freue ich mich, dass die Jury diese drei Texte ausgewählt hat. Die Autorinnen erzählen nicht nur gut - jede auf ihre Weise - sie haben auch etwas zu erzählen.

Zumindest zwei der preisgekrönten Erzählungen werden Ihnen ziemlich autobiographisch vorkommen. Lassen Sie sich dabei nicht täuschen. Nie lügt ein Schriftsteller mehr, als wenn er über sich schreibt.

Um von Extremsituationen zu erzählen, in die ich selbst nie geraten bin, muss ich in meinen Romanen Menschen erfinden und fremde Lebenswelten recherchieren. Vielleicht steckt ein Stück von mir in allen meinen Figuren, immerhin muss ich mich ja in sie hineinversetzen, um sie glaubwürdig beschreiben zu können. Aber im Großen und Ganzen spiele ich den Schöpfer und erschaffe Figuren, die es zuvor nicht gegeben hat.

Der andere Weg besteht darin, die eigenen Erfahrungen zum zentralen Thema zu machen, mehr oder weniger verschlüsselt über sich selbst zu schreiben. Gerade bei jungen Autoren finden wir das oft, so auch in zwei der heute ausgezeichneten Erzählungen - und das entfaltet jeweils einen ganz besonderen Charme.

Man soll über das schreiben, was man gut kennt. Ob du nun Fremdes recherchierst oder über Eigenes schreibst - entscheidend ist, dass du uns mehr zu erzählen hast als das kalte Wetter zu Weihnachten, das Essen in der Mensa oder die Frisuren in einer Pariser Diskothek.

Und dieses Mehr bietet uns jede der drei Erzählungen. Jede berührt uns auf ihre Art, in ihrer eigenen, angemessenen Sprache. Deshalb ist es für mich eine Freude und Ehre, hier zu sein und gratulieren zu dürfen.

Der "Moerser Gesellschaft zur Förderung des literarischen Lebens" gratuliere ich dazu, dass sie diese Talente entdeckt hat. Und den Autorinnen gratuliere ich zum Moerser Literaturpreis, der Sie ermutigen soll, weiterhin Geschichten zu erfinden -Geschichten, die zugleich unterhaltsam und wahrhaftig sind.

Ich wünsche ich Ihnen, dass die Phantasie Sie nie verlässt und Sie stets die richtigen Wörter finden. Wir wollen auch in Zukunft etwas von Ihnen lesen.

copyright: Horst Eckert, Laudatio auf die Preisträger des Literaturpreises der Stadt Moers, 3.10.2004

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"Vielleicht schreiben wir genau deshalb: Weil die Welt nicht heil ist."


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